Musik ist für mich...

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Michael Schütz

Kirchenmusiker

Musik ist für mich mein Spiegel des menschlichen Lebens. Sie spricht uns alle an, verzaubert, provoziert, ergreift, tröstet, regt an und auf, verstört, belustigt, beruhigt. Sie lässt uns lachen, weinen, schlafen, erwachen, aufhorchen, erschauern, jubeln, tanzen. Gerade weil sie so mit uns und unseren Lebenserfahrungen verbunden ist, ist sie auch für unsere Kirchenkultur konstituierend. Kompositionen, Stile, Instrumente, Akkorde, Rhythmen sind dann Kirchenmusik oder für Kirchenmusik geeignet, wenn sie sich auf die vier Grunddimensionen der Kirche selbst beziehen: Gemeinschaft, Gottesdienst, Nächstenliebe und Glaubensbezeugung. Musik, die diesen dient, ist eine substanzielle und tragfähige Kirchenmusik. Kirchenmusik bedeutet für mich daher nicht nur Musik in der Kirche, sondern sie bedeutet wesentlich Musik für die Kirche. Damit ist sie Musik für Menschen, der Mensch steht im Blickpunkt. Die wichtigste Herausforderung an die Kirchenmusik ist, Musik für die Menschen ihrer Zeit zu sein. Als Kirchenmusiker müssen wir uns also immer neu fragen, was Kirchenmusik sein kann. Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns ein Psalm, der sagt: »Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn alle Welt.« Exegetisch geht es zuerst um die inhaltliche Frage: Das neue Lied im Sinne von die neuen Wunder Gottes besingen, den neu erfahrenen Glauben neu auszudrücken. Auch im Horizont von Offenbarung 21, 5 »Siehe, ich mache alles neu«. Aber es geht natürlich ebenso um die Frage, wie Menschen Glaubensinhalte, die sie in ihrer Zeit gemacht haben, angemessen ausdrücken. Es kann also einerseits der immer neu gesungene traditionelle Kirchenchoral sein; immer neu, weil er in immer neuen Lebenssituationen immer neu klingt, neue Bedeutung erfährt. Aber es ist auch das wirklich neue Lied, die Jazz- und Popimprovisation, die Avantgardekomposition, der Gospelsong. Sie alle wollen eine Resonanz in der Gemeinschaft finden. Der Psalm fordert uns auf, uns weiterzuentwickeln. Er ermutigt uns zur Vielfalt, zum Experiment, zu Spielfreude und Wagnis.


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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 20. Juni 2017 12:25