Musik ist für mich...

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Anne-Sophie Mutter

Geigerin

Musik ist für mich etwas, das uns die Chance bietet, die Welt im Miteinander zu verändern. Viel stärker noch, als das bislang versucht wurde. Denn Musik baut nicht nur metaphysische Brücken - sie ist auch frei jeglicher Ideologie. Erinnert sei nur beispielhaft an die gesellschaftliche Strahlkraft des West-Östlichen-Divan-Orchesters und an die unzähligen Benefiz-Engagements, mit denen Musiker die Welt umarmen. Denn ihre Musik ist Klang gewordene Liebe. Für die Musik gilt das Wort des Apostel Paulus - es macht mich glücklich, an seinem Gedenktag geboren zu sein - ganz besonders, wie ich finde. Paulus sagt: »Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nur ein tönendes Erz und eine gellende Zimbel.« Ist Liebe nicht das, was das Leben ausmacht? Aber sie lässt sich nur erkennen, wenn auch der Schmerz, das Chaos, der Abgrund und die Zerrissenheit erfahren werden. Musik ist nichts Greifbares, Messbares, und doch bereichert sie uns, macht uns alle, ob Interpret oder Musikliebhaber, zu Weltenbürgern einer Sprache: Jeder Mensch versteht auf seine Weise, was Noten ausdrücken. Musik macht durchlässiger und sensibler für den anderen. Sie ist eine Aufforderung, den anderen als Teil seines eigenen Selbst wahrzunehmen. Gleichgültig, ob er der Norm entspricht oder als behindert gilt, gleichgültig, ob Kind oder Erwachsener, gleichgültig, welcher Religion oder Nationalität er angehört. Ich verstehe Musik als ein Gottesgeschenk, das Komponisten und Interpreten an ihre Zuhörer weiterreichen. Ein Geschenk, dessen unvergänglicher Wert in einer materiell fokussierten Werteordnung allerdings nicht hoch genug geschätzt wird.


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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 20. Juni 2017 12:25