Michael Praetorius

15. Februar 1572 - 15. Februar 1621

Von der musikalisch-liturgischen Lebensleistung Michael Praetorius' profitiert die Nachwelt bis heute - besonders von den knapp zehn Jahren, in denen er als Kapellmeister des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel wirkte, einer der wichtigsten kunstliebenden protestantischen Fürsten der Zeit. Damals gab Praetorius 13 große Sammlungen eigener Kompositionen in Druck - allein in den neun Bänden der Musae Sioniae (»Musen Zions«) finden sich hunderte Kompositionen. Im Zentrum steht das lutherische Lieder-Korpus, welches das Reformationsjahrhundert hatte entstehen lassen. In einer geradezu enzyklopädischen Breite brachte Praetorius diesen Lieder schatz seinen Mitmenschen neu nahe, teils in kleinsten Besetzungen (so, wie es Lehrstoff für lutherischer Lateinschüler sein konnte, die auf den Kantoreidienst vorbereitet werden sollten), teils in großen, mehrchörigen Besetzungen, die das Kirchenlied in aller vorbarocker Prachtentfaltung erlebbar machten. Diese Ideen Praetorius' wurden bisweilen als rückwärts gewandt aufgefasst: War es nicht zu altertümlich, noch nach 1600 das musikalische Schaffen so weitgehend vom alten Kirchenlied abhängig zu machen? Andererseits: Es war ein völlig neuer Ansatz, Liedbearbeitungen für jede Stelle des lutherischen Musiklebens bereitzustellen. Das wirkt noch in den heutigen kirchlichen Alltag hinein. Auch wenn die mehrchörigen Choralkonzerte im Gesangbuch zwar keinen Platz mehr haben, sind es nicht nur einfach »Melodien«, die dort an Praetorius erinnern, sondern auch komplette, mehrstimmige Kompositionen - im vollen Umfang, in dem er diese Musik konzipierte. Eines ist das Lied Es ist ein Ros entsprungen (EG 30), das mit Praetorius' vierstimmigem Satz zu einem der berühmtesten Weihnachtslieder wurde. In demselben Druck erschien 1609 der bewegtere, heute dem Dreikönigsfest zugeordnete Satz Der Morgenstern ist aufgedrungen (EG 69). Jubilate Deo (EG 181.7) hingegen ist im Original (mit dem Text »Bona dies omnes .«, »Guten Tag, alle .«) ein universeller Widmungskanon an die Nutzer der achten Musae Sioniae und ist dort Partner des weltberühmten Kanons Viva, viva la musica.

Praetorius entfaltete dieses Wirken an einem Hof, an dem Musik aus allen Teilen Europas zusammenkam. Englische Kollegen vermittelten Praetorius persönlich die moderne Klangwelt der Consort Music für Streicher oder Flöten. Die Kunst der italienischen Mehrchörigkeit gelangte in Form von zahllosen Notendrucken nach Wolfenbüttel. So konnte Praetorius sich die Kunst selbst aneignen, Ensemblegruppen voneinander zu scheiden, sie über ein ganzes Kirchengebäude verteilt aufzustellen und so in der Raumarchitektur imposante Klangerlebnisse inszenieren. Diese italienische Kunst wurde wichtiger Bestandteil seiner Arbeit mit dem lutherischen Kirchenlied. Sein Wirken begleitete er mit Schriften, die das Musikdenken seiner Nachwelt prägten. Das dreiteilige Syntagma musicum bietet ein Kompendium zur Instrumentenkunde der Zeit und Erklärungen der international gebräuchlichen musikalischen Termini. Heute kaum bekannt ist der erste Teil des Werks, eine Herleitung, welche Bedeutung große Kunstmusik für das lutherische Verständnis habe. Noch für das Werk Johann Sebastian Bachs waren diese Ideen grundlegend.

Konrad Küster (Musikwissenschaftler, Freiburg im Breisgau)


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23