Heinrich von Herzogenberg

10. Juni 1843 - 9. Oktober 1900

»Aus ist das schönste Kapitel meines Lebens«, resümiert der Berliner Kompositionsprofessor Heinrich von Herzogenberg wehmütig, als er von der Straßburger Uraufführung seines Weihnachtsoratoriums am 3. Advent 1894 zurückkehrt. Als Dirigent hat er erlebt, »wie meine Musik durch die ganze Thomaskirche flutete vom Altar zur Orgel und wieder zurück, geschwellt von dem unvergesslichen Unisono der Gemeinde«. Der Idee Kirchenoratorium gemäß ist Gemeindegesang nämlich fester Bestandteil des Werks. Nur die letzten Jahre seines Lebens schreibt Herzogenberg so dezidiert Kirchenmusik. Geboren 1843 als Nachfahre französischer katholischer Adliger in Graz, mit Schulbildung unter anderem auf einem Jesuiteninternat sowie dem Jura- und Musikstudium in Wien, liegt zunächst weder eine Musikerlaufbahn noch Engagement für evangelische Kirchenmusik nahe. In der Wiener adligen Gesellschaft trifft er auf die als Pianistin hochbegabte Elisabeth von Stockhausen, Tochter des hannoverschen Gesandten. Erst nach Einführung der Zivilehe in Österreich 1868 erlauben deren Eltern die »ökumenische« Eheschließung. Das Paar lebt vier Jahre in Graz und widmet sich dort in den bürgerlichen Institutionen eifrig der Musik. Mit der Übersiedlung nach Leipzig 1872 öffnet sich ein neuer Horizont durch die deutsche klassische Kultur und den Fixstern Bach. Zusammen mit dem Bachforscher Philipp Spitta wird 1875 der Bachverein gegründet, ein Chor zur Aufführung der noch unbekannten Bachkantaten. Herzogenberg übernimmt bald die Leitung und taucht zusammen mit seiner Gattin tief in die künstlerische und geistliche Welt Bachs ein. Aber auch der gemeinsame Bekannte aus Wiener Zeiten, Johannes Brahms, wird nun zum Leitbild. Es werden Brahmswochen in Leipzig veranstaltet und der Meister logiert bei den Herzogenbergs. Oft sind sie die ersten, denen er seine Manuskripte schickt. Herzogenberg bewegt sich als Komponist nun deutlich in den Spuren von Brahms mit viel Kammermusik und Klavierliedern, auch einiger weltlicher Chormusik. Bachschen Kontrapunkt übt er an wenigen Motetten und Orgelwerken.

Bald nach dem Wechsel nach Berlin 1885 bringen eine schwere arthritische Erkrankung Herzogenbergs und die Herzkrankheit seiner Frau das Leben durcheinander. Die geistliche Substanz der Welt Bachs wird jetzt zur Stütze. Nachdem die erst 44-jährige Elisabeth stirbt, entsteht in den letzten Tagen des Trauerjahres die große Kantate Todtenfeier, ein einzigartiges Dokument von Trauerarbeit im Medium von Bibelwort und Choral. Den plötzlichen Tod des Freundes Philipp Spitta wird Herzogenberg dann mit einer großartigen Messe im Geiste Bachs verarbeiten. Zunächst kommt es aber im Sommer 1893 zum Zusammentreffen mit dem jüngeren Spittabruder Friedrich im Bodenseeblick-Sommerhaus des Komponisten in Heiden in der Schweiz. Der Theologieprofessor leitet in Straßburg einen Akademischen Kirchenchor und steht an der Spitze der liturgischen Bewegung, die vor allem mit Musik dem Gottesdienst aufhelfen will. Herzogenberg ist elektrisiert von der ihm angetragenen Aufgabe, mit seiner Musik einem konkreten »Sitz im Leben« zu dienen. Es entstehen als Liturgische Gesänge Chormusikzyklen für je einen Gottesdienst, nach der Geburt Christi als Oratorien eine große Passion und die grandiose Erntefeier, eine Choralkantate Gott ist gegenwärtig, weitere Liedsätze und schließlich zwei Biblische Szenen zu Evangelienlesungen. Der erneute Ausbruch der Arthritis beendet im Herbst 1898 dieses einzigartige Miteinander von Theologie und Musik. Herzogenberg stirbt im Oktober 1900 in Wiesbaden, wo er der Bäder wegen eine Wohnung genommen hatte.

Konrad Klek (Kirchenmusiker und Theologe, Erlangen)


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23