Hugo Distler

24. Juni 1908 - 1. November 1942

»Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen«. Im Vorspruch zu Hugo Distlers Mörike-Chorliederbuch klingt etwas an von der Freude über den göttlichen Ursprung der Musik sowie auch von dem unzerstörbaren Gottvertrauen, das der junge Musiker sich bis zu seinem Ende bewahrte. In Nürnberg 1908 geboren, kam er nach traumatischen Erfahrungen in frühester Kindheit - seine Mutter verließ ihn, als er vier Jahre alt war und wanderte nach Amerika aus -, in die liebevolle Obhut seiner Großeltern. Johann Michael Herz, ein kleiner Viehhändler aus der Fürther Gegend, und Kunigunda Herz, verwitwete Distler, sorgten auch dafür, dass »das Hügele« mit sieben Jahren Klavierunterricht erhielt und ein Gymnasium besuchen konnte. Was sein 1930 verstorbener Stiefgroßvater für ihn bedeutet hat, vertraute Hugo Distler seiner Verlobten Waltraut Thienhaus in einem Brief aus dem Jahre 1932 an: »Siehst du, er verstand wenig von meinen Gedanken, ließ mich aber voll guten Vertrauens gewähren.« Der Großvater übertrug auf den Enkel seine tiefe Religiosität, die später in den geistlichen und auch weltlichen Chorwerken Distlers immer neuen Ausdruck finden sollte.

Distler studierte in Leipzig und kam 1931 als Organist an die St. Jakobikirche in Lübeck, wo er eine Fülle geistlicher Musik vor allem für Chor a cappella komponierte - so 1932 seine Choralpassion, die zu Ostern 1933 in zwölf deutschen Städten, darunter in Berlin und Leipzig (dort durch die Thomaner), aufgeführt wurde, und den Jahrkreis: eine Sammlung von 52 zwei- und dreistimmigen geistlichen Chormusiken zum Gebrauch in Kirchen-, Schul- und Laienchören. Hugo Distler erarbeitete die meisten dieser Motetten mit seinem kleinen Knabenchor von St. Jakobi und schrieb darüber erfreut an Waltraut Thienhaus: »Vom zweiten Teil des Jahrkreises habe ich heute die 5. Motette fertig bekommen; der 2. Teil scheint reicher und kühner zu werden wie der erste Teil. Doch macht es den Kindern trotz der teilweise sehr modernen, herben Harmonik großen Spaß.«

Um diese Zeit entstand auch Hugo Distlers Pfingstkantate, die er zu Pfingsten 1932 mit dem Chor des Deutschen Handlungsgehilfenverbands (DHV) in der romanischen Michaeliskirche von Hildesheim uraufführte. Er schrieb dazu wenig später einen Brief nach London an Waltraut Thienhaus (deren Mutter ihn zu einer Harzreise eingeladen hatte): »Deine Mutter und ich starteten am Sonntag partout nach dem Gottesdienst und landeten gegen vier Uhr schweißtriefend in der Stadt, in der ich mir, wie Du wohl weißt, ein bedeutendes Denkmal errichtet habe: die Stadt meiner Pfingstkantate, der Tagungsort meines DHV, Hildesheim natürlich. Wir landeten selbstverständlich im [unleserlich] Hospiz, einem wolkenkratzenden fünfstöckigen Jugendstilprodukt, dreimal so hoch wie schmal, und zwar im letzten Geschoß, direkt unter den Sternen, doch hatten wir dafür einen unvergleichlichen Blick auf die Pfingstkantatenstadt, gleichsam aus der Vogelschau.« In Lübeck geriet die lutherische Kirchengemeinde nach der »Machtergreifung« der Nazis 1933 in die Defensive gegenüber den nationalsozialistischen »Deutschen Christen«, die nun auch im sechsköpfigen NS-Senat der Stadt saßen. Durch Beschluss einer Gemeindeversammlung wurden die hauptamtlichen Mitarbeiter, darunter Distler, zum Eintritt in die NSDAP veranlasst. Die mit Distler bis zu seinem Tod eng befreundete Ärztin Hilde Kreutz-Soergel schrieb in ihren 1958 veröffentlichten Erinnerungen an Hugo Distler, dass dieser »schon in Lübeck zur Partei gekeilt« worden sei, doch »nur aus einem ängstlichen >Muss< kam er dazu. In seiner großen Sensibilität hat er sich darum sehr gequält.« Im Sommer 1933 begann Hugo Distler mit der Komposition seiner Weihnachtsgeschichte, ein Werk von »bukolischem Charakter« (Distler), das er den »einfachen Leuten« widmete - dem Volk, das - unaufgeklärt - »im Finstern wandelt«. 1936 wurde Hugo Distlers Konzert für Cembalo und Streichorchester Op. 14, mit Distler am Cembalo, in Hamburg uraufgeführt. Das Werk wurde von der Kritik teils gefeiert, teils als »entartet« angegriffen. Ende 1936 eskalierten in Lübeck die Auseinandersetzungen zwischen »Deutschen Christen« und der 1934 gegründeten »Bekennenden Kirche«, der auch Hugo Distler nahestand. Am Silvesterabend 1936 legte er sein Organistenamt an St. Jakobi nieder. Im April 1937 übernahm er an der damals noch privaten Stuttgarter Musikhochschule die Unterrichtsfächer Musiktheorie, Formenlehre, Orgel und Chorleitung.

In Stuttgart schuf Hugo Distler sein Neues Chorliederbuch und 1938/39 sein Mörike-Chorliederbuch, das im Mai 1939 in Graz vom Kammerchor der Stuttgarter Musikhochschule unter Distlers Leitung mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Im Sommer 1939 begann er mit der ersten Skizzierung eines eigenen Textes zu seinem geplanten Friedensoratorium Die Weltalter, dessen Text auf der Kassandrasage und dem Mythos vom Goldenen Zeitalter basiert. Er unterbrach diese Arbeit bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, um sie 1941/42 mit vermehrter Intensität fortzusetzen. Im Sommer 1942 konnte Hugo Distler noch die ersten vier Motetten der Weltalter vertonen, im September brach er die Arbeit an seinem Oratorium ab.

1940 wurde Distler an die Berliner Musikhochschule berufen. Obwohl eine Verschärfung der Luftangriffe auf Berlin schon deutlich absehbar war, nahm Distler den Ruf an, auch wenn er dafür seine ihm liebgewordene neue Heimat Schwaben aufgeben musste. Was ihn zu dem Schritt antrieb, war die fixe Vorstellung, dass er - wenn überhaupt - nur noch in der Reichshauptstadt eine Chance haben würde, von den dort zuständigen kulturpolitischen Instanzen als »unabkömmlich« (für das deutsche Musikleben) eingestuft zu werden, womit für ihn die endgültige Freistellung vom Kriegsdienst verknüpft gewesen wäre. »Wenn sie mich zum Militär holen, mache ich Schluss; ich stehe das nicht durch«, hatte Distler schon 1940 einem Stuttgarter Schüler gestanden. Am 1. April 1942 übernahm Hugo Distler zusätzlich die Leitung des Berliner Staats- und Domchors. In einem Brief vom 17. August 1942 schrieb er dazu aus seinem Ferienort Ahlbeck an seinen Freund Alfred Kreutz: »Inzwischen erlebe ich mit dem Berliner Staats- und Domchor Schwierigkeiten . Die HJ macht dauernd Scherereien wegen Freigabe der Knaben für den Dienst im Chor. Um dies zu klären, machte ich mir vergangenen Donnerstag von hier aus die Mühe, eigens nach Berlin zu fahren, um mit unserem sehr geschickten stellvertretenden Hochschuldirektor; Professor Rühlmann, den PG Cerf vom Hauptkulturamt der NSDAP zu besuchen, den Rühlmann kannte. Ergebnis völlig negativ; erschütternder Eindruck; Cerf in meinem Alter, nach der Darstellung Rühlmanns einstmals Bankangestellter. Wir kamen überhaupt nicht zu Wort vor dem Hassgesang gegenüber der Kirche. Ich muss aber trotz allem sagen, dass ich über den Eindruck der Persönlichkeit dieses Mannes noch weit erschütterter gewesen bin, denn über den (im geheimen erwarteten) negativen Erfolg. Ich gehe mit großem Grausen ins neue Semester. Man hat so viel organisatorische Arbeit, dass man zum Musizieren überhaupt nicht mehr kommt. Und schließlich scheitern alle Bemühungen an solchen nicht zu beseitigenden Schwierigkeiten.« Einige Monate zuvor hatte er dem Freund, der wegen einer Verwundung gerade Heimaturlaub hatte und in einem Weinberg bei Stuttgart einen verwunschenen alten Garten mit Bienenstock und Sommerhäuschen besaß, noch geschrieben:

»Wie beneide ich Sie um Waiblingen! Und um Ihr Clavichord! Und um Ihre alten Schmöker! . Ich sagte gerade zu Waltraut: ich fahre eines schönen Tages nach Stuttgart. Wenn ich es hier gar nimmer aushalte. Dann schwätzen wir schön zusammen.« Am 15. Oktober 1942 bekam Distler vom Wehrbereichskommando Eberswalde seinen sechsten Gestellungsbefehl. Zwar gelang es einflussreichen Persönlichkeiten, unter ihnen vor allem Professor Fritz Stein, Direktor der Berliner Musikhochschule, in letzter Minute noch einmal eine Aufhebung des Befehls zu erreichen. Doch war Distler von dem Eberswalder Kommandeur bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, dass er schon am 3. November 1942 erneut - und diesmal unwiderruflich - mit Einziehung zur »motorisierten Truppe« zu rechnen habe. Hugo Distler, in höchster Angst und endgültig entmutigt, entzog sich für immer dem Zugriff der Kriegsherren, indem er am 1. November 1942 seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Der Berliner Theaterregisseur Jürgen Fehling, für den Distler Ende 1940 eine Schauspielmusik zu Ludwig Tiecks Ritter Blaubart komponiert hatte, schrieb am 15. November 1942 an die Witwe Hugo Distlers: »In Ihrem Gemahl glaubte ich von der ersten Begegnung in Lübeck an einen kühnen und leidenschaftlich begabten Musiker zu erkennen. Es war ein heißer Wunsch in mir, mit diesem sehr männlichen Geiste in meiner Berufssphäre zusammenzutreffen. Sicher wäre der Hannibal, wenn er nach unserem Geist hätte ausreifen können, eine beispielhafte Inszenierung geworden. Als dieser Plan unmöglich ward, begann ich voll zärtlicher Neugierde auf die Oratoriumsarbeit Ihres Gatten zu warten. Ich hoffte, er würde dereinst eine Oper schreiben, eine Oper aus dem Geist seiner strengen und zugleich blühenden Welt. Die Nachricht von seinem Tode traf mich erschütternd . Die Größe und Feinheit, die seine - Distlers - Person aus strahlte, ist selten geworden und ich glaube, seine Figur war im Kunstleben Deutschlands unendlich wichtig und wertvoll. Ich grüße Sie mit der Versicherung, dass ich mit Bewunderung und Ehrfurcht um Hugo Distler trauere. Ihr Jürgen Fehling.«

Barbara Distler-Harth (Entwicklungspsychologin München)


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23