Johann Crüger

9. April 1598 - 23. Februar 1662

Manchmal beflügelt die Begegnung zweier Menschen ihr Können, motiviert sie zu gesteigerter Kreativität und führt sie zu produktiven Sternstunden. Eine solche Sternstunde kirchenmusikalischer Art liegt in dem Zusammentreffen von Johann Crüger und Paul Gerhardt im Berlin des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1657 wird der fünfzig jährige Gerhardt an die Nikolaikirche berufen. Dort ist Crüger, neun Jahre älter, schon seit 1622 als Kirchenmusiker tätig. Fünf Jahre der beruflichen Zusammenarbeit sind dem Kantor und dem Pfarrer geschenkt. Kennengelernt haben sie sich schon früher, vielleicht 1643, als Gerhardt wohl erstmalig nach Berlin kam. Doch wie kam der Musiker dazu, sich mit der Vertonung von Liedtexten einen unvergänglichen Namen zu machen? Wie sah sein Lebensweg aus? Crüger wird in Groß Breesen im heutigen Guben geboren, das damals zu Böhmen gehört. Nach dem Besuch der Lateinschule begibt er sich als 15-jähriger auf Wanderschaft. Ein weiterhin lernender, suchender junger Mann, der seine Berufung und seinen Beruf zu erspüren hat, so stelle ich mir Crüger wenige Jahre vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges vor. Sorau, Breslau, Olmütz (Jesuitenkolleg), Regensburg (»Poetenschule«) sind einige Orte, an denen er sich aufhält. In der Stadt an der Donau begegnet er der modernen Musik Giovanni Gabrielis, dessen Schüler Paul Homberger Crügers Lehrer wird. Weiter zieht Crüger durch Österreich und Ungarn, wo er sich einige Zeit in Preßburg aufhält, durch Mähren und erneut durch Böhmen nach Freiberg in Sachsen. Zwei Jahre des Reisens liegen hinter ihm, als er 1615 wohl erstmalig Berlin betritt. Weitere Reisejahre folgen. Für ein Theologiestudium zieht er in die lutherische Hochburg Wittenberg. Seine guten musikalischen Kenntnisse verschaffen ihm aber bereits 1622 die Berufung nach Berlin. Als Kantor an der Nicolaikirche ist er zugleich Lehrer, und zwar am landesweit berühmten Gymnasium Zum Grauen Kloster. Pädagogik und Kirchenmusik, auch heute eine wieder neu bedachte Kombination für den Kantorenberuf. Gewichtige theoretische Schriften publiziert Crüger ebenso wie Kompositionen für die Praxis an St. Nicolai.

In gewissem Sinne ist Crüger ein ökumenisch Agierender. Im Auftrag des reformierten Hofes - 1613 »konvertiert« Kurfürst Johann Sigismund zum Calvinismus, die Stadt und damit die Bürgerschaft bleibt lutherisch - gibt er 1658 die Psalmodia sacra heraus, die unter anderem das Liedgut der Reformierten, den Genfer Psalter in der deutschen Übertragung durch Ambrosius Lobwasser, enthält. Das Gesangbuch allerdings, das mit Crügers Namen unauslöschlich verbunden bleiben wird, ist die Praxis pietatis melica, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts fast fünfzig Auflagen erlebt. In ihr finden sich nach und nach die über siebzig Melodien Crügers, unter anderem Wie soll ich dich empfangen, Auf, auf, mein Herz, mit Freuden, Schmücke dich, o liebe Seele, Nun danket all und bringet Ehr, Jesu, meine Freude und Lobet den Herren alle, die ihn ehren. Crüger muss beliebt und anerkannt gewesen sein, der Stadt zugewandt, den Freuden des Lebens nicht abgeneigt, auch wenn die strengen Gesichtszüge, die wir in den Porträts sehen, wohl manche seiner 19 Kinder von Zeit zu Zeit gefürchtet haben müssen. Der wahrscheinlich bedeutendste Melodienschöpfer des evangelischen Kirchenliedes seit der Reformationszeit stirbt 1662 im Alter von 63 Jahren und wird an seinem ehemaligen Wirkungsort, in der Nicolaikirche, bestattet.

Christian Finke (Kirchenmusiker, Berlin)


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23