Johannes Brahms

7. Mai 1833 - bis 3. April 1897

Karfreitag 1868, im Bremer Dom. Der 34-jährige Johannes Brahms dirigiert die Uraufführung seines ersten großen Werks für Chor und Orchester: Ein deutsches Requiem. Er hat dazu die Texte aus der Lutherbibel selbst zusammengestellt und eine Konzeption gefunden, die polar steht zum lateinischen Requiem. »Trost« ist hier das Leitwort. Auch bei dem im Gedenken an seine kurz zuvor verstorbene Mutter nachkomponierten Satz mit dem Sopransolo heißt es: Ich will euch trösten . Dieses Werk bringt Brahms die öffentliche Anerkennung als Komponist. Der 1833 in Hamburg geborene Sohn eines Kontrabassisten hat sich mit großer Energie nach oben gearbeitet. Als Zwanzigjähriger kommt er in das Haus von Robert und Clara Schumann nach Düsseldorf, von wo aus er als Messias der Kunst vor der Musikwelt angepriesen wird. Die zweijährige Krankheit Schumanns und dessen Tod 1856 sind eine prägende Erfahrung. Brahms spielt Ersatzpapa für die Schumannkinder und weiß nicht, wie weit er in seiner Zuneigung zur großen Pianistin Clara gehen darf, der er sich bisweilen mit Orgelspiel und Kompositionen als partnerschaftliches Pendant anbietet. Mit dreißig Jahren wählt er Wien zu seinem Hauptwohnsitz. Von hier aus reist er als Pianist und Dirigent nicht nur eigener Werke durch Europa. Im Sommer nimmt er zum Komponieren die Bergwelt der Alpen in Anspruch. Der Junggeselle Brahms verdient richtig gut mit seiner Klavier-, Kammer- und Orchestermusik, mit seinen Klavierliedern und der weltlichen Chormusik. Mit Kirchenmusik im engeren Sinne hat er eigentlich nichts am Hut. Er ist Leiter weltlicher Chorvereinigungen, schreibt für sie aber bisweilen auch Musik zu geistlichen Texten evangelischer wie katholischer Herkunft, führt Werke von Schütz und Bach auf, die gerade erst entdeckt und gedruckt werden. Dem Deutschen Requiem folgen auf dem Gebiet der Chorsymphonik aber Vertonungen von Klassikertexten (Schiller, Goethe, Hölderlin). Den deutschen Sieg über Frankreich 1870/71 bejubelt er mit einem volltönenden Triumphlied, komponiert auf Texte aus der Offenbarung, wo er ungeniert die »Hure Babylon« mit Paris/Frankreich assoziiert. Ein Todesfall im Freundeskreis lässt ihn dann die ergreifende Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen auf wiederum selbst gewählte Bibelworte schaffen. In zwei späten Opera finden sich nochmals meisterhafte Motetten auf Bibelworte und Liedstrophen: die Fest- und Gedenksprüche Op. 109, die erneut eigentümlich politisch orientiert sind, in Op. 110 dagegen geht es um die Bewältigung von Leid und Tod. Als er 1896 gebeten wird, auch für die Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst zu arbeiten, wo sich sein Freund Herzogenberg engagiert, lehnt er ab und mokiert sich über dessen neue Kirchenmusikwerke. Stattdessen entwirft er als persönlichen Abgesang Vier ernste Gesänge auf Worte, die man, wie er sarkastisch bemerkt, eigentlich verbieten müsste, wenn sie nicht in der Bibel stünden. Kurz nach der Fertigstellung stirbt Clara Schumann. Jetzt komponiert er noch einmal Choralvorspiele vornehmlich über Sterbelieder für die Orgel, möchte diese aber nicht veröffentlicht wissen: Glauben ist für ihn Privatsache. Er erkrankt alsbald an Krebs und stirbt in Wien am 3. April 1897. Freund Herzogenberg würdigt in einem Nachruf Brahms' eigenständig, kritischen Umgang mit Bibelwort und Choral als »kernprotestantisch«.

Konrad Klek (Kirchenmusiker und Theologe, Erlangen)


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23