Leonhard Lechner Athesinus

um 1553 - 9. September 1606

Einer der wichtigsten Komponisten protestantischer Kirchenmusik vor Heinrich Schütz war Leonhard Lechner. Waren Giovanni Pierluigi da Palestrina und Orlando di Lasso unbestritten die Meister der Spätrenaissance, so entwickelten sich neben ihnen etliche schöpferische Musiker, ohne deren korporatives Zusammenwirken das Schaffen dieser beider Komponisten nicht denkbar ist. Die Abkehr von der altklassischen Polyphonie hin zu den Anfängen eines akkordischen, harmonischen Denkens und einer perspektivischen Wirkung in der Musik ist das Werk dieser Komponisten des Frühbarocks, die ab etwa 1600 selbstbewusst eine »Nuove, Varie Musiche« auf den Weg brachten.

Leonhard Lechner Athesinus hat diese Entwicklung bereits vor 1600 mitgeprägt. Aus Südtirol stammend (der Beiname »Athesinus« deutet auf die Etsch / Athesis hin), kam er als Knabe zur Hofkapelle München. Als Schüler Orlando di Lassos wurde er mit den unterschiedlichsten europäischen Kompositionsweisen vertraut und wandte sich entschieden der Moderne zu. Wenn Lasso dem deutschen Liedsatz eine neue Ausrichtung gab, so haben seine Schüler - neben Leonhard Lechner auch Johannes Eccard - als Vertreter der jungen protestantischen Kirchenmusik diesen Impuls aufgegriffen und wegweisend ausgebaut. Nach seiner Zeit als Chorknabe folgten Jahre freier Wanderschaft, vermutlich durch Italien. In diese Zeit des Reisens muss auch seine Konversion fallen. Ab 1575 lebte er in Nürnberg. Obwohl er dort beruflich - als Schulgehilfe an St. Lorenz - unter seinen Möglichkeiten blieb, wurde Lechner in Nürnberg sesshaft, komponierte viel und übernahm ab 1582 die Leitung der Musikpflege der Stadt. Charakteristisch für seine Nürnberger Zeit ist die Entstehung mehrerer Liedsammlungen, die seinen Anteil an der Ausbildung und Prägung der Liedmotette des 16. Jahrhunderts eindrucksvoll bezeugen. Diese Sammlungen enthalten sowohl weltliche als auch geistliche Lieder. Lechner ist damit sowohl die Entwicklung des deutschen Gesellschaftsliedes als auch die Fortentwicklung des protestantischen Kirchenliedes zu verdanken. Lechners Liedmotetten, über Bibel- oder neue, weltliche Verse komponiert, vereinen traditionelle Ausdrucksmittel deutscher, italienischer und niederländischer Herkunft und offenbaren eine elegante Verschmelzung motettischer Feierlichkeit mit madrigalesker Anschaulichkeit. Mit den Neuen teutschen Liedern von 1576 / 77 wurde Lechner bekannt. Dies mag zu einer wachsenden Unzufriedenheit mit seiner beruflichen Stellung geführt haben. Hatte er während der ersten Nürnberger Jahre Angebote abgelehnt, trat er 1583 als Hofkapellmeister in die Dienste des katholischen Grafen Eitelfriedrich von Hechingen. Die Stellung gab er ein Jahr später auf - aufgrund konfessioneller Differenzen. Eine Bewerbung nach Dresden ins Amt des sächsischen Hofkapellmeisters scheiterte. Lechner musste froh sein, in der württembergischen Hofkapelle unterzukommen. Alsbald wurde Lechner in Stuttgart jedoch sowohl Hofkomponist als auch Leiter der Kapelle. In Stuttgart entstand sein umfangreichstes Werk, die motettische Passion nach dem Evangelisten Johannes. Lechner orientiert sich hier eng an der liturgischen Tradition, verknüpft diese aber mit emotional ausdrucksvollen Stilmitteln, um die Leidensgeschichte einprägsam darzustellen. Lechners bedeutendstes Werk, die Deutschen Sprüche von Leben und Tod, erschien in seinem Sterbejahr, 1606.

Clara Rempe (Germanistin, Berlin)


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23