Zwei Große

Lied und Poesie bei Dietrich Bonhoeffer und Jochen Klepper

Ergriffen vom Wüten der Welt, fanden Klepper und Bonhoeffer Worte für dass, was sie erlebten und fühlten. Die Leser ihrer Texte fanden sich immer wieder dazu bewogen, diese Worte selbst zu sprechen und ihnen Töne und eigene Melodien zu verleihen. Dabei erklingen nicht nur die Worte. Auch die Lebenswege der beiden Männer schwingen stets mit.

Jürgen Henkys (Theologe, Berlin)

Es ist schon fast sechs Jahrzehnte her. Wer im Nachkriegsdeutschland über evangelisches Christentum und deutsche Verantwortung nachdachte, kam an zwei autobiografischen Nachlasswerken nicht vorbei. 1952 erschienen Dietrich Bonhoeffers Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft Widerstand und Ergebung. 1956 folgten Jochen Kleppers Tagebücher Unter dem Schatten deiner Flügel. In Schlesien geboren (1903, 1906), durchlebten beide in Berlin den Anbruch und die Untaten der NS-Herrschaft. Beide sind 39-jährig daran zugrunde gegangen (1942, 1945). Jochen Klepper schied zusammen mit seiner Frau Johanna und deren Tochter Renate Stein aus dem Leben, als es gegen die Deportation der jungen Jüdin keinen Ausweg mehr gab. Dietrich Bonhoeffer wurde mit einigen anderen Verschwörern gegen Hitler im KZ Flossenbürg gehängt. Im theologischen Ansatz, im kirchenpolitischen Urteil, in der Auffassung von der Geschichte und nicht zuletzt durch das in ihrer seelischen und sozialen Entwicklung vorgezeichnete Persönlichkeitsbild lagen sie weit auseinander. Gerade so aber beunruhigen sie ihre Leser auch heute noch mit der Frage, wie sich die Konstellationen »Widerstand und Ergebung« (Bonhoeffer) und »Ohnmacht und Überwindung« (Klepper) zueinander verhalten.

Klepper und Bonhoeffer haben sich nie gesehen. Wolfgang Böllmann überlegt in beider Sinn: Wenn ich dir begegnet wäre (2005). In fiktiven Treffen lässt er sie miteinander reden. Sind sie sich in den letzten Jahrzehnten näher gekommen? Jedenfalls reichen Schlagworte längst nicht mehr aus, um entweder für den einen oder für den anderen Partei zu ergreifen. Ihre Nachlässe gehören unverzichtbar zum gemeinsamen evangelischen Erbe des 20. Jahrhunderts.

Für die Musiker lag hier nie ein Problem - im Fall des Schriftstellers Jochen Klepper schon darum nicht, weil die geistlichen Lieder des Bändchens Kyrie (1938) noch zu Lebzeiten ihres Autors erschienen waren und damals niemand ahnen konnte, dass es einmal auch Gedichte eines Theologen namens Dietrich Bonhoeffer geben würde. In evangelischen Kreisen wurden die Kleppertexte, kaum dass man sie kaufen konnte, zu einer geheimen Sensation. Diese stille Stimme, die gegen die Ängste ihrer Zeit ansang, biblisch getröstet und der großen Kirchenliedtradition verbunden, galt vielen als ein unerwartetes Geschenk. Und sofort und ungerufen waren auch die Musiker zur Stelle. Noch bevor ein Jahr vergangen war, registrierte Klepper schon über fünfzig Kyrie-Melodien - eine Bestätigung, auf die der zwischen Selbstzweifeln und Auftragsbewusstsein hin und her gerissene Dichter nie zu hoffen gewagt hatte. Fritz Werner vertonte schon 1938 das Mittagslied Der Tag ist seiner Höhe nah, so wie es heute noch im Evangelischen Gesangbuch (EG) steht.

Von 1939 stammt Johannes Petzolds Weise zu Die Nacht ist vorgedrungen, die Kleppers Worte durch unsere Adventsgottesdienste trägt (EG 16). Unter den anderen zeitgenössischen Liedkomponisten ragte Rudolf Zöbeley dadurch hervor, dass er in seinen Neuen Gemeindeliedern (1941) Jochen Klepper mit 13 Vertonungen den Vorrang vor dem berühmten Rudolf Alexander Schröder gab. Allgemein bekannt ist seine Melodie zu Er weckt mich alle Morgen (EG 452). Fritz Werner fuhr fort, Kleppers Texte zu vertonen. Seinen vollständigen Kyrie-Zyklus mit insgesamt 29 Liedern, darunter auch Ich liege, Herr, in deiner Hut (EG 486), konnte er aber erst nach dem Krieg (1949) zum Druck einreichen. Das Neujahrslied Der du die Zeit in Händen hast war lange mit einer Lehnmelodie aus dem 16. Jahrhundert verbunden (Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn). Erst 1960 trat Siegfried Reda mit seiner Originalweise hervor (EG 64). Bei näherer Beschäftigung mit dieser Komposition tritt eine Melodiephrase als bewusst eingesetztes Zitat hervor: Wo Klepper im Blick auf die Zeitlast bittet »... und wandle sie in Segen« (Strophen 1, 3), fällt Kirchenmusikern bei Redas Melodie die altvertraute Zeile »ich bitt, erhör mein Klagen« ein (EG 343, Strophen 1, 2). Klepper wollte die Klage, zu der er ja übergroßes Recht gehabt hätte, aus seinen Liedern immer heraushalten. So ist Redas Melodie auch eine versteckte Erinnerung an die Biografie des Dichters. Es ist Sache der noch lebenden Komponisten, Kleppers poetisches Liederwerk im Bewusstsein des Unheils auszukomponieren, das er für Johanna und Renate auch selbst übernahm. Hier seien nur zwei genannt. Helmut Brand gibt 1995 die ganze Sammlung Kyrie heraus und bearbeitet die Lieder in bisherigen und in eigenen Melodien. Neben das einführende Vorwort stellt er zusätzlich auch eine Skizze von Kleppers Lebenslauf. Die Kantoren und Chöre sollen Klepper auch als Person kennenlernen. Die Tonsprache Brands hält Kontakt zum gegenwärtigen Musikschaffen und zeigt damit an, dass er bei aller liturgischen Bindung seiner Kompositionen Kleppers Werk auch auslegen, nicht nur ein weiteres Mal mit Noten versehen will. - Manfred Schlenker hat alle im Gesangbuch enthaltenen Klepperlieder in den vorhandenen Melodien zu Choralmotetten ausgearbeitet (2002). Andererseits schuf er zusätzlich einen Jochen-Klepper-Liederkreis (2009). Zwanzig Liedtexte erhalten eine eigene Melodie mit Intonation und vierstimmigem Tonsatz. Sie sind nach biografischen und thematischen Gesichtspunkten zu vier Gruppen zusammengestellt, die durch »Klangbilder« gerahmt und verknüpft werden. Neben diese Klangbilder treten noch »Intermedien«, ausgewählte Prosatexte Kleppers, meist Tagebucheintragungen, die sein Werkverständnis wie sein Geschick widerspiegeln. So verschränken sich Komposition und Biografie. Der Musiker ist durch die Dichtung und gleicherweise durch den Weg des Dichters bewegt. Dietrich Bonhoeffer war akademischer Theologe, Experte für ökumenische Beziehungen, Studenten- und Auslandspfarrer, Seminardirektor, Geheimagent, Häftling. Aber Dichter und Schriftsteller wie Klepper war er nicht. Mit literarischen Versuchen hat er sich nur nebenher abgegeben - und auch erst sehr spät, im Gefängnis. Trotzdem steht sein Lied Von guten Mächten im Gesangbuch unmittelbar neben Kleppers Der du die Zeit in Händen hast. Wer am Silvesterabend oder am Neujahrsmorgen zur Kirche geht, begegnet ihnen fast immer, häufig sogar im gleichen Gottesdienst. Geistliche Poesie gibt es nicht nur aus der Feder professioneller Dichter. Auch taucht sie manchmal an unvermuteter Stelle auf, noch bevor sie Einzug in die Kirche hält. So wurde Kleppers Der du die Zeit in Händen hast erstmals 1938 in der Neujahrsausgabe der Deutschen Allgemeinen Zeitung gedruckt, und Bonhoeffers Von guten Mächten erblickte das Licht der Öffentlichkeit 1945 in einem Heft aus der Schweiz Für die Pastoration der Kriegsgefangenen. Allerdings zeigt sich, was in einem guten geistlichen Text steckt, erst in der Geschichte seines Gebrauchs. Er wächst mit seinen Vertonungen und danach immer noch weiter durch Gesungen- und Wiedergesungenwerden.

Die zehn Gedichte Dietrich Bonhoeffers sind während seiner Haft entstanden, das letzte im SS-Kellergefängnis an der Berliner Prinz-Albrecht-Straße (heute Topographie des Terrors). Es ist ein sehr privates Gedicht, fast ein Brief, gerichtet an seine Verlobte Maria von Wedemeyer und die eigene Familie. Aber anders als fast alle vorangegangenen Gedichte ist es durchweg regelhaft geformt und gereimt. Der doch so gefährdete Autor weiß sich »Von guten Mächten umgeben« (Strophe 1), und von diesen »wunderbar geborgen« erwarten er und seine Lieben »getrost, was kommen mag«. (Strophe 7) Dazwischen Gebetsworte, angefüllt mit Erinnern, Bekennen und Hoffen. Es ist ein Gedicht von Gottes Führung (»führ, wenn es sein kann, / wieder uns zusammen«) inmitten von »böser Tage schwere[r] Last«. Bei Klepper ein anderer Ton, aber das gleiche Motiv: »Herr, nimm auch dieses Jahres Last« (Strophe 1) - »und führe uns an deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.« (Strophe 6)

Wie ist aus Bonhoeffers Gedicht ein Lied geworden? Der Zufall hat mitgespielt. Der Ostberliner Kantor Theophil Rothenberg erlebt, wie in Junge-Gemeinde-Abenden am Schluss gebetet wird: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.« Er bittet seinen Kollegen Otto Abel, die Strophe zu vertonen, damit er sie in Die singende Schar aufnehmen kann, sein Liederbuch junger Christen (Teil III, 1959). Diese erste Melodie hat überdauert. Obwohl nur für die zitierte Schlussstrophe bestimmt, lässt sie nach dem ganzen Gedicht und seiner Eignung für vollständigeren Gebrauch fragen. Es entstehen immer neue Melodien, so zahlreich wie für keinen anderen geistlichen Text des 20. Jahrhunderts. Textoperationen an dem doch zu privaten Gedicht tauchen auf und verschwinden wieder. Am Schluss behaupten sich zwei völlig gegensätzliche Kompositionen, die ernste, getragene von Otto Abel (1959) und die weiche, beschwingte Siegfried Fietz' (1970).

Von guten Mächten kann sich nicht dagegen wehren, auch von einer Religiosität beansprucht zu werden, die Bonhoeffers Christentum völlig fremd ist. Schaut man sich in seinen Gedichten nach einem anderen singbaren Text um, der durch theologische Handschrift unverwechselbar ist, so trifft man unter der Überschrift Christen und Heiden auf die drei Strophen von Menschen gehen zu Gott in ihrer Not. In ihrer Schlichtheit, Tiefe und herausfordernden Kraft erschienen sie der württembergischen Gesangbuchkommission so wichtig, dass man Dieter Schnebel um eine Vertonung bat. Wie andere Komponisten vor und nach ihm (unter anderem Johannes Petzold, Arthur Eglin, Gottfried Brezger / Christian Finke, Matthias Kreuels) hatte sich Schnebel damit auseinanderzusetzen, dass ein melodisches Konzept für Christen und Heiden variabel sein muss für das von Strophe zu Strophe leicht variierte Metrum. Dieter Schnebels Lösung im württembergischen EG-Anhang (547) traut der singenden Gemeinde und ihren Kantoren eine wunderbare Lernerfahrung zu. Mehr noch als bei Klepper griffen die Komponisten auch bei Bonhoeffer über die Gattung Lied hinaus. Es entstanden Motetten, Kantaten und Oratorien, die neben den genannten auch weitere Gedichte (zum Beispiel Stationen auf dem Wege der Freiheit), dazu auch Prosapassagen und sogar Predigten einbeziehen. Am weitesten geht dabei der amerikanische Komponist Thomas Johnson, Vertreter des musikalischen Minimalismus. An seinem Bonhoeffer-Oratorium in vier Teilen hat er von 1988 bis 1992 gearbeitet. Er bekennt, die Begegnung mit Bonhoeffers Schriften habe für ihn einen Lebenseinschnitt bedeutet. Im 20. Jahrhundert sind unendlich viele Kirchenlieder geschrieben und vertont worden. Unsere Skizze erfasst, quantitativ gesehen, nur einen winzigen Ausschnitt. Aber die Beschränkung auf Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer ist gut begründet: Leben und Werk dieser beiden rufen alle zur Besinnung, die durch Poesie und liedgebundene Musik am Überschritt der christlichen Botschaft in ein weiteres, unbekanntes Jahrhundert beteiligt sind.



Musik und Evangelium

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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23