800 Jahre Glauben, Singen, Lernen: Thomanerchor

Im Jahre 1212, im tiefsten Mittelalter, liegt der Ursprung des Knabenchores, den einst Johann Sebastian Bach leitete. Dieses Jubiläum gab den Anstoß, im Jahre 2012 »Reformation und Musik« auf die Agenda der Lutherdekade zu setzen. Eine Geschichte von Klängen, Bildung und Glaube.

Nancy Rahn (Studentin, Tel Aviv)

Leipzigs Methusalem unter den Kultureinrichtungen, die Thomana, wird 800 Jahre alt. Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule, drei Säulen kulturellen Lebens, die der Universitätsstadt bis heute eine ganz besondere Note verleihen, schauen auf eine ereignisreiche gemeinsame Geschichte zurück. Die Wurzeln dieser beeindruckenden Tradition liegen im Jahr 1212. Der schon vorhandenen Thomaskirche wird damals eine Schule angegliedert. Hier werden Leipziger Knaben dazu ausgebildet, anstelle der Chorherren den musikalischen Dienst in den Gottesdiensten zu übernehmen. Da die Thomasschule zugleich den Bürgerkindern offensteht, gilt sie als älteste öffentliche Schule Deutschlands. Gesungen wird auch zu diesen Tagen schon aus Leibeskräften und tiefer religiöser Überzeugung. Da die Musik laut Meinung der Gelehrten des Mittelalters ein Spiegel der göttlichen Ordnung ist, nimmt sie einen hohen Stellenwert im damaligen Bildungskanon ein. Als Gegenleistung für Schulbildung und Unterkunft singen die Thomaner bei Veranstaltungen aller Art und sind somit von Beginn an bis auf den heutigen Tag ständiger Teil des Stadtbildes.

Der Chor erlebt gesellschaftliche Veränderungen, tiefgreifende Einschnitte und ist bei vielen historischen Ereignissen, wie zum Beispiel bei der Universitätsgründung 1409, präsent. Vor allem seit der Einführung der Reformation trägt der Chor maßgeblich dazu bei, dass sich Leipzig zu einem der wichtigsten Musikzentren des Landes entwickelt. Der melodische Ruf der Thomaner eilt ihnen voraus. Schon vor Johann Sebastian Bach, der bei seinem Besuch in Leipzig zunächst die Qualität des Chores beklagt, als Thomaskantor dann aber 27 Jahre lang bleibt, sind sie weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Bach lebt und wirkt unter einem Dach mit seinen Schülern. Hier entstehen, stets unter dem noch heute aktuellen Leitstern des Soli Deo Gloria, bedeutende Kompositionen, unter anderem die h-Moll-Messe, die beiden Passionen und das Weihnachtsoratorium. Die Mehrzahl der Uraufführungen bestreitet er mit den Thomanern. Aus seiner selten einmal ruhenden Feder entsprungen, wird den Melodien in der Thomaskirche unter dem energischen Schwung des bachschen Taktstocks Leben eingesungen. Noch Jahrhunderte später lebt der große Komponist durch seine fest im Profil des Chores verankerte Musik weiter. Als Bachs Werk wenige Jahrzehnte nach dessen Tod beginnt, in Vergessenheit zu geraten, ist es der junge Felix Mendelssohn Bartholdy, der das beinah Vergessene wieder ans Licht bringt. Er löst im 19. Jahrhundert die Bachrenaissance aus, ohne die es um den Chor wohl schlecht bestellt gewesen wäre. Daraufhin gelingt es weder den beiden verheerenden Weltkriegen noch der DDR, den Chor zum Verstummen zu bringen. Vielmehr überwinden die jungen Musikbotschafter durch Reisen nach Westberlin und in die Bundesrepublik Deutschland sogar politische Grenzen. Seit 800 Jahren klingen, oft mehrmals wöchentlich, die geübten Stimmen der Jungen und jungen Männer im maßgeschneiderten, marineblauen Matrosenanzug aus der Thomaskirche und ziehen tausende Besucher in ihren Bann. Die Thomaner singen über die Jahrhunderte hinweg zu Gottesdiensten, Krönungen, Messen, Wahlen und Hinrichtungen. So ist wohl mit das Letzte, das Woyzeck vor seiner Exekution auf dem Leipziger Marktplatz 1824 mit weichen Knien hört, der starke, mehrstimmige Klang aus den Kehlen der Chorknaben. Seit über neunzig Jahren zaubern diese nun nicht mehr nur deutschen Musikliebhabern eine Gänsehaut aufs Trommelfell, sondern füllen auch im Ausland die Konzertsäle. Die erste Tournee führt 1920 nach Dänemark und Norwegen; inzwischen stehen Länder rund um den Globus auf dem Programm; Brasilien, Argentinien, Südkorea, Nordamerika, Australien, Singapur - für die jungen Sänger eine einzigartige Möglichkeit, neben dem Leben, Lernen und Musizieren in Leipzig die Welt zu bereisen. Doch wie bringt man es eigentlich zum Thomaner und was bedeutet es, ein junger Teil dieses altehrwürdigen Chores zu sein?

Die Talentsuche beginnt schon früh. Erfahrene Musikpädagoginnen suchen in Leipziger Vorschulgruppen mit gespitzten Ohren nach vielversprechenden Stimmen. In der Manet-Grundschule werden dann diejenigen, die im ersten Vorsingen überzeugt haben, unterrichtet und auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet, nach der sie, wenn alles gut geht, Thomaner sind - mit allen Rechten und Pflichten. Von nun an wohnen die ganz unterschiedlichen Jungen, die vor allem ihre gemeinsame Leidenschaft für die Musik verbindet, zusammen im Alumnat. Von vielen nur »der Kasten« genannt, ist diese Wohngemeinschaft der Superlative eine Welt für sich. Hier wird gelebt und gelitten, gesungen und gepfiffen, intensiv geprobt und natürlich - Fußball gespielt. Tatsächlich, auch wenn Schule und Musik den Alltag bestimmen, es bleibt Raum für eigene Interessen, die Möglichkeit, am Schlagzeug auch modernen Melodien Rechnung zu tragen, die Zeit für Gespräche und gemeinsames Spiel. Die Alumni sollen lernen, verantwortungsvoll in einer Gemeinschaft zu leben. Schon die Jüngsten bekommen Verantwortung übertragen und werden von den Älteren begleitet. Wie in einer Zweitfamilie lebt man hier zusammen. So konnte schon mancher Neuling durch die Hilfe eines seiner großen »Brüder« anfängliche Dissonanzen, wie Heimweh oder Frustration, bewältigen. Bestimmt und beschwingt von dem Dreiklang: »Glauben - Singen - Lernen«, schöpfen die Schüler aus religiöser Tradition, gestalten das kirchliche Leben mit, erhalten eine umfassende musikalische Ausbildung und komponieren selbst soziales Miteinander. Im Alumnat spielt nicht die Finanzkraft der Eltern die entscheidende Rolle, sondern die Begabung der Kinder. In einer Zeit, in der laut der Shell Studie Musikhören die Lieblingsbeschäftigung der 12bis 25-Jährigen ist, Musikmachen in dieser Altersgruppe aber eher aus der Mode zu kommen scheint, auch weil für viele Eltern der Musikunterricht unerschwinglich geworden ist, ist das ein Hoffnungsschimmer. Nicht selten werden die Absolventen Musiker, Komponisten, Opernsänger oder Orchesterleiter. Und auch wenn nicht, die Zeit bei den Thomanern hinterlässt ihre Spuren. Frei nach dem Motto: »Einmal Thomaner, immer Thomaner« engagieren sich viele Ehemalige in Förderkreis und Stiftung oder singen als Gäste sogar noch einmal im Chor mit. Mit der reichen Geschichte der Thomana im Rücken, einst selbst dort ausgebildet, blickt der aktuelle Thomaskantor Georg Christoph Biller planend in die Zukunft. Noch mehr Menschen sollen von der Musik »angesteckt, angestiftet und angeregt« werden. Rund um Thomasschule und Alumnat entsteht zu diesem Zweck das Forum Thomanum, ein internationales Bildungszentrum, zukunftsweisende Fortführung des altbewährten Zusammenspiels von wissenschaftlicher Bildung und Musik. Auch der ehemalige Kappellmeister des Gewandhausorchesters, Herbert Blomstedt, ist begeistert: »Das Forum Thomanum - welch ein wunderbarer Gedanke! Ein großer Platz des Geistes, der der lebendigen Pflege von Musik gewidmet ist, und zwar den Menschen, die am meisten begeisterungs- und entwicklungsfähig sind: der Jugend.« Ganz im Sinne Martin Luthers, der nicht müde wurde, den ästhetischen, vor allem aber auch den pädagogischen Wert der Musik zu betonen. In seinen Tischreden befiehlt er sie, »die Regiererin der Herzen«, deshalb dem Schutz und der Unterstützung der Regierenden der Welt an und meint: »Man muß Musicam von Noth wegen in den Schulen behalten. . Die Jugend soll man stets zu dieser Kunst gewöhnen, denn sie machet fein geschickte Leute.« Gestern, heute und morgen machen sich Menschen Gedanken über Glauben, Kunst und Bildung. Keine dieser drei Größen kommt ohne die beiden anderen aus. Und wenn der Dreiklang stimmt, dann öffnen sich nicht nur Ohren und Herzen, sondern auch Zukunftsperspektiven.



Musik und Ich

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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23