Orgel oder Keyboard?

Musik hat das Potenzial, verschiedene Menschen zusammenzubringen. Sie stiftet Gemeinschaft und beflügelt. Sie birgt aber auch die Gefahr, Menschen zu trennen. Orgelmusik klinge traurig, sagen die einen. Den anderen fehlt es an Tiefe bei moderner Kirchenmusik. Wie können also Klassik und Gospel sich treffen? Vielleicht, wenn Johann Sebastian Bach sich heute auf den Weg machte.

Uwe Steinmetz (Musiker, Berlin)

»Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer deutet es. Alles geschehe so, dass es aufbaut.« (1. Korinther 14, 26) Als freiberuflicher Musiker arbeite ich außerhalb der »christlichen Musikszene« sowohl mit klassisch ausgebildeten Musikern als auch mit Jazz- und Popmusikern zusammen. Dabei werde ich häufig als christlicher Musiker eingeladen, in Kirchen Gottesdienste oder Konzerte zu gestalten. Ich möchte eingangs zwei Praxiserfahrungen von Gottesdienstformen vorstellen, in denen es nicht entweder um Orgel oder Keyboard, also um »klassische Kirchenmusik« oder Lobpreis geht, sondern um für mich gelingende Gottesdienste, in denen alle Generationen einander begegnen können und kein bestimmter Musikstil singulär gepflegt wird.

I. Sonntagmorgengottesdienst in einer großen lutherischen Kirche in New York City: Ein Kantor und Organist leitet den musikalischen Teil des Gottesdienstes, ich bin als Gastmusiker dazu geladen. In den neunzig Minuten erklingen thematisch abgestimmt mit Predigt, Lesungen und Gebeten: eine Messe von einem modernen amerikanischen Komponisten, ein Stück aus der Messe von Rachmaninoff für Chor, Gemeindelieder von Gospel bis Lutherisches Gesangbuch, Einzug und Auszug des Chores mit einem Spiritual und Call-and-Response-Gesang und Percussion, eine moderne Komposition für Saxofon und Orgel mit Improvisationsanteil, Oboensonaten (langsame Sätze) während des Abendmahl arrangiert für Saxofon und Orgel.

II. Eine Feier zum Totensonntag in einem kleinen 500-Einwohner-Dorf im Umland Hamburgs. Ein landeskirchlicher Pastor im Ruhestand hat den Gottesdienst zusammengestellt, in dem er wenig leitet und sagt, aber umso mehr katalytisch in der Vorbereitung gewirkt hat. Es gibt einen von ihm gestarteten Kirchenchor, den Singkreis und einen Gitarrenkreis, in denen hauptsächlich Bauersfrauen, gemischt mit einigen Handwerkern und Akademikern, gemeinsam Lieder spielen und singen: Choräle, Volkslieder und wieder aus dem Bereich Neues Geistliches Lied. Es gibt Bibellesungen, eine instrumentale Improvisation über den Choral Befiehl Du Deine Wege, die ich gestalten darf, Andenken an die Gestorbenen und, für mich besonders eindrücklich, ein langes Gedicht eines alten Bauern auf Plattdeutsch über Tod und neues Leben - gewidmet seinen Enkeln, Christuserfahrung in authentischer eigener Sprache. Diese beiden so verschiedenen Gottesdienste spiegeln für mich Formen lebendiger Gottesdienste wider, in denen Musik eine zentrale Rolle auf »Augenhöhe« mit theologischer Verkündung spielt. Das Erbe der Choräle mischt sich mit modernem Liedgut und zeitgenössischen Kompositionen. Birgt dies aber nicht die Gefahr eines Mischmaschs ohne klares Profil? Auf die Frage, wie er mit dieser eklektischen Art von Kirchenmusik leben könne, antwortet mir der Kantor der New Yorker Kirchengemeinde leicht verwundert, wie er denn anders Kirchenmusik gestalten solle, wo seine Gemeinde doch aus Menschen so unterschiedlicher Prägungen und Kulturen bestehe? »Es wäre geradezu arrogant, nicht mit der Musik und Liturgie an den vielfältigen Hörgewohnheiten der Menschen anknüpfen zu wollen, man muss gemeinsam mit den Pastoren ein Zuhause für die Vielfalt der Gottesdienstbesucher bieten.«

Kirche als ein Zuhause, Freiräume zum Nachdenken über Gott, Gotteserfahrungen und Besinnung erschaffen, das gemeindliche aktive Mitgestalten durch Texte und durchs Musizieren: Dies sind auch die Kernanliegen des inspirierten, ehrenamtlich engagierten Pastors in seinem norddeutschen Dorf. Er erzählt mir, dass diese musikalische und theologische Basis arbeit allerdings mit Skepsis in der örtlichen Gemeinde gesehen wird. Der örtliche Organist fühle sich überfordert, selbst neuere Lieder mit der Gemeinde zu üben, ebenso der Pastor, dementsprechend baue sich leider eher ein Konkurrenzgefühl auf, statt konstruktives Zusammenwirken. Ein Zuhause erschaffen, Einheit finden durch Vielfalt - erst im Zusammenwirken von Theologen, Gemeindepastoren, Kirchenmusikern vor Ort und freiberuflichen Musikern, Orchestermusikern und Komponisten kann heute eine profilierte und vielschichtige musikalische Verkündigungskultur wachsen, die nicht mit dem Stempel »Kirchenmusik« in einer Sparte abseits der säkularen Kulturwelt und deren Veranstaltungshäusern und Medien verödet. In Deutschland fehlt im Gegensatz zum angelsächsischen und skandinavischen Ausland ein Dialog zwischen Theologischen Fakultäten, Kirchenmusikhochschulen und Musikern und Musikströmungen der Gegenwart.

In ihrer Tradition hat sich die Kirchenmusik immer für alle gegenwärtigen Musikströmungen geöffnet und dabei oft beispielhaft Elemente populärer Musik integriert. Kirchenmusik war im positiven Sinne ein Bereich der Grenzüberschreitungen und der Begegnung unterschiedlicher Musikkulturen. Die großen Werke der Kirchenmusiktradition stammen bis heute fast ausnahmslos von Komponisten, die auch in der säkularen Welt arbeiteten beziehungsweise deren Elemente in ihre Arbeit einbezogen.

»Die Musica ist eine schöne, herrliche Gabe Gottes und nahe der Theologie.« Martin Luther

Damit sich Musik und Theologie als zwei ebenbürtige Instrumente der Verkündigung und liturgischen Feier begegnen können, bedarf es meiner Einschätzung nach unter anderem der engen Zusammenarbeit von Theologen und Kirchenmusikern. Dies sollte schon die Ausbildung prägen - also Gesang, Orgel und Gitarre als wahlobligatorische Nebenfächer für Theologen und für Kirchenmusiker eine verstärkte Auseinandersetzung mit den Wechselbeziehungen zwischen Theologie und Musik, wie es im anglikanischen Raum sowohl in England als auch in den USA gepflegt wird. Es ist gerade in den USA durchaus üblich, Berufsmusiker, die engagierte Christen sind und eine Zusatzqualifikation in Theologie erworben haben, wie es sie in vielen Universitäten gibt, in den kirchenmusikalischen Dienst zu berufen und sogar Bewerbern von kirchlichen Hochschulen vorzuziehen. Der vormals erwähnte Kantor an einer der wichtigsten lutherischen Kirchen in den USA ist ebenfalls ein Quereinsteiger, der zusätzlich als freiberuflicher klassischer Pianist gearbeitet hat.

Ein integratives Verständnis von gottesdienstlicher Musik jenseits von ästhetischen Grabenkämpfen zwischen E- und U-Musik, klassischer und moderner Kirchenmusik - oft höre ich von Vertretern der klassischen Kirchenmusik, dass die moderne Kirchenmusik zu simpel sei und einfach keine Tiefe biete. Von einem Urgestein des Neuen Geistlichen Liedes in Deutschland hörte ich dagegen in einem Gespräch: »Als mir meine Konfirmanden sagten, dass Orgel für sie nur traurig klänge, war mir klar, dass ich zur Gitarre greifen und Lieder schreiben musste.«

In beiden Fällen zeigt sich für mich eher ein Unverständnis gegenüber der jeweils anderen musikalischen Tradition: Es ist ein Leichtes, unter vielleicht nicht allen herausragenden neuen Kompositionen trotz allem großartige und tiefsinnige Texte und Melodien zu finden und diese entsprechend mit der Gemeinde zu gestalten, wenn dies im Rahmen der kirchenmusikalischen Ausbildung handwerklich fundiert berücksichtigt wird. Die bestehende Zusatzausbildung und die Nebenfachmodule Popularmusik an den Kirchenmusikhochschulen leisten dieses handwerkliche Verständnis nach Einschätzung vieler Dozenten und Studenten leider noch nicht auf angemessenem Niveau. Gleichsam sollte auf der Seite der Texter und Komponisten neuer Kirchenmusik ebenso eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Erbe der Kirchenmusiktradition von Gregorianischem Choral bis in die Moderne geführt werden, zumindest, wenn die Musik nicht nur modisch, sondern Teil der Musikkultur werden soll.

Es ist bewundernswert, wenn Pastoren Lieder schreiben und Musiker Texte - allerdings lebt die Kirchenmusiktradition von professionellen Musikern und ebensolchen Textern und Dichtern. Statt Orgelmusik generell als »traurig« abstempeln zu lassen, hilft oft schon ein Gespräch mit ein paar leidenschaftlichen Organisten, eine Orgelführung und die Präsentation der ganzen Klangbreite dieses Instrumentes und dem großen Spektrum an komponierter und improvisierter Musik, um hier nicht in Allgemeinplätze verfallen zu müssen. Würde Johann Sebastian Bach in persona heute zu Besuch durch Deutschland reisen, fände er zwar seine Musik immer noch in Kirchen. Ich bin mir allerdings sicher, er hätte ein großes Interesse, neuere Musik zu hören - er selbst war ja ebenso Avantgardist in seiner Zeit. Hierfür würde er in Berlin ins Radialsystem, ins Konzerhaus, die Philharmonie, in Jazzclubs, zu Rockkonzerten gehen. In Kirchen fände er oft nur einen Bruchteil gegenwärtiger Musikströmungen, und dies oft nur als zweitklassige Stilkopie und nicht im Original. Es bleibt zu wünschen, mit Blick auf die biblische Tradition und das Erbe Martin Luthers, dass dies nicht so bleibt und sich stattdessen aus der Vielfalt der gegenwärtigen Strömungen christlich geprägter und inspirierter Musik eine größere Einheit finden lässt zwischen Theologie und Liturgie, Pastoren und Musikschaffenden - für eine Kirchenmusik, die allen ein Zuhause mit Blick auf Christus erlaubt und aus den Kirchen heraus die Musikkultur der Gegenwart wieder stärker prägt als bisher - Kirche im Konzertsaal statt Kirche als Konzertsaal - denn alles geschehe so, dass es aufbaut.



Musik und Alltag

Copyright Evangelische Kirche in Deutschland2018 | Datenschutz | Impressum | Sitemap
Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23