Mein liebes Buch

Mit dem Kirchenjahr sind oft Lieder aus dem Gesangbuch verknüpft. Über diese Lieder vermittelt sich nicht nur ein Gefühl, das zu dieser Kirchenjahreszeit passt, sondern auch eine Theologie. Die Texte, die uns da in den Sinn kommen, stellen theologische Gedanken dar.

Gudrun Mawick (Theologin, Villigst)

»Wollen Sie es nicht haben? Wir wüssten nicht, was wir damit anfangen sollten.« Etwas verlegen, geradezu schamhaft steht die Nichte der Verstorbenen noch einmal vor meiner Tür. So erbe ich das Gesangbuch der alten Dame, die wir vorhin unter den Klängen von Stern, auf den ich schaue und Befiel du deine Wege zu Grabe trugen. Das unscheinbare EG mit Kunstledereinband im Taschenformat war ihr kostbar - es begleitet mich nun immer, wenn ich ein Gesangbuch irgendwohin mitnehme. Nicht, dass ich vorher keins gehabt hätte. Aber das Lederexemplar mit Goldschnitt blieb fortan zu Hause auf dem Schreibtisch.

Früheren Generationen war ganz klar, was mit einem Gesangbuch anzufangen war: Die Lieder waren zum Singen und Beten für die häusliche Andacht, in der Schule wurde Lesen damit geübt und Auswendiglernen. Das Gesangbuch war über viele Jahrhunderte ein Lebensbegleiter in protestantischen Häusern. So bezeichnete der Dichter Matthias Claudius das Gesangbuch als einen alten »Freund im Hause, dem man vertraut und bei dem man Rat und Trost« sucht. Seine lebensumspannende Ausrichtung eröffnet verschiedene Erkundungswege, das Gesangbuch zu durchstreifen: mit dem Lebenslauf von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe über die Konfirmation, von der Eheschließung bis zu Tod und Sterben. Oder ist der Weg durch den Gottesdienst von Eingangsliedern über verschiedene liturgische Gesänge bis hin zum Sendungslied. Ich entscheide mich für meinen Streifzug für das Geländer des Kirchenjahres. Dabei liege ich nicht immer im Mainstream von Wochen- und Kernliedern, sondern verweile bei persönlichen Erinnerungen und Faszinationen. Mit der Christenheit hat auch das Gesangbuch seine eigenen Jahreszeiten: Das Kirchenjahr beginnt am ersten Advent - und damit gibt es gleich eine große Fülle von Titeln. Mich beeindruckt immer besonders O Heiland, reiß die Himmel auf. (EG 8) Als Schulkind an der Küste hat mich O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß beschäftigt. Denn ich konnte mir nur ein dickes Schiffstau für »im Tau herab, o Heiland fließ« vorstellen - inmitten der Wolken, die »den König über Jakobs Haus« ausbrechen und regnen sollten. Noch heute fühlt sich für mich die Melodie ungeduldig und drängend an. Besonders, wenn sie mit einer Handtrommel oder anderem Schlagwerk - gerne im Rahmen eines Einzugs - begleitet wird: ram-paaaam, ram-paaaam, ram-paaaam. Die Bedrängung schafft sich Luft in der anklagenden Frage: »Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?« Doch auf adventliches Warten folgt die Freude von Weihnachten. Hier ist mir das Lied Freuet euch, ihr Christen alle, freue sich, wer immer kann (EG 34) besonders lieb. Es ist kein Erzähllied vom Geschehen in Bethlehem, sondern berichtet von dessen Wirkung in den Seelen: Ich, du, wir, ihr, sie - alle Personen sind durch die Strophen dabei. »Jesu, wie soll ich dir danken? Ich bekenne, dass von dir, meine Seligkeit herrühr, so lass mich von dir nicht wanken.« Die Weihnachtsfülle markiert der Taktwechsel vom Sechser in den Vierer und der stets gleiche Schluss jeder Strophe: »Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.« Ein nahezu penetranter, aber überschwänglicher und ansteckender Weihnachtsjubel!

Der Jahreswechsel kann nun in ganz anderer Farbe besungen werden mit Jochen Kleppers Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. (EG 64) Sperrige Worte mit einer wenig eingängigen Melodie, doch beides von spröder Schönheit und Tiefe, gleichsam eine Jahresenddepression. Von veralteten Gewändern und leeren Händen im Fluge der Zeiten wird hier gesungen. Doch alles mündet in die Bitte an den Ewigen: »Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand damit wir sicher schreiten.« Mit der Epiphaniaszeit kommt der weihnachtliche Glanz im Leuchten des Sterns über Bethlehem erst völlig zum Bewusstsein und über die Lippen. Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67) ist mir hier besonders lieb. Im 16. Jahrhundert dichtete die ehemalige Nonne Elisabeth Cruciger dieses Lied. Darin geht es um die sinnliche Wahrnehmung Gottes in der vorfindlichen Welt »dass wir hier mögen schmecken dein Süßigkeit im Herzen und dürsten stets nach dir«. Diese Sehnsucht bewegt die Dichterin zu einer starken Bitte »Ertöt uns durch dein Güte, erweck uns durch dein Gnad«. Die Melodien vieler Choräle aus dieser Zeit wurzeln in weltlichen Liedern. Diese elegische Weise war damals mit dem Text »Ich hört ein Fräulein klagen« verbunden.

Jetzt geht im Kirchenjahr alles rasend schnell weiter - zur alljährlichen Verwirrung der Kindergottesdienstkinder: »Aber Jesus ist doch gerade erst geboren und jetzt ist er schon erwachsen und muss schon wieder sterben?« Der Umschwung aus dem Sternenglanz in die Passionszeit ist alle Jahre wieder hart und selten werden unverzüglich die Passionslieder in den Mund genommen. Wegen ihrer Fremdheit stellt sich oft ein großes Unbehagen ein. Dazu sind alternative moderne Lieder um Jesu Leiden im Gesangbuch dünn gesät. Dennoch möchte ich auf einen der schwierigsten und mir liebsten alten Passionschoräle hinweisen: Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen? (EG 81) Fünf Fragezeichen finden sich in seinen Strophen. Der Skandal der Kreuzestheologie ist hier unausweichlich in Selbstbezichtigung gegossen: »Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.« Auf mich als Kind hat dieses Lied einen starken Eindruck gemacht, das immer gegenwärtige diffuse schlechte Gewissen fand hier Ausdruck. Gut? Schlecht? Da bin ich bei den Kernfragen beim heutigen Streit um die Sühneopfertheologie: Ist Jesus Christus für mich gestorben? Ich denke, die Lieder mit ihren unalltäglichen Worten bieten die Gelegenheit, Fremdes in den Mund zu nehmen, unvertraute Saiten in mir zum Klingen zu bringen. So ein Lied kann - vielleicht nur zeitweilig - meines werden. Oder ich habe eben davon gekostet und lege es als für heute unverdaulich zur Seite. Doch gerade solche Lieder lassen mich nicht los, ich muss immer wieder auf ihrer Maßlosigkeit herumkauen. Um dann die Ostererleichterung wirklich begehen zu können! Stets denke ich an »vom Eise befreit .« aus Goethes Osterspaziergang bei Der schöne Ostertag! Ihr Menschen kommt ins Helle! (EG 117) Es ist ein auf das schönste überzeitlich und international zusammengewirktes Lied: Die Melodie aus dem 17. Jahrhundert, die deutsche Textversion aus den 1980er-Jahren, nach älteren englischen und noch älteren niederländischen Vorlagen! Weite Bögen österlicher Großzügigkeit schlägt die Melodie, eine Oktave plus eine Quarte im Umfang macht zusammen eine Undezime. Eine Silbe des letzten »erstanden« braucht einen Bogen von neun Noten verschiedener Länge! Überhaupt, das »erstanden«: Es steht vier Mal am Ende jeder Strophe und massiert sich in stets zunehmender Tonhöhe in das Gemüt der Singenden!

Im Gefolge solches Auferstehungsjubels darf jetzt auch mal ein »Hassliebe-Lied« benannt werden: Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig. (EG 123) Es steht unter den Gesängen zu Himmelfahrt und atmet den überbordenden Ordnungssinn des schwäbischen Pietismus. Hier ist es weit zwischen oben und unten: Gottes Sohn sitzt »unter lichten Chören über allen Cherubim«, das dichterische Ich ist »auf der tiefsten Stufen«. Die zweitaktigen Phrasen der Melodie verführen zum Schnapp-Atem. Doch die Bilderfülle der elf (! - von ursprünglichen 26!) Strophen ist von barocker Üppigkeit und bereichert auch meine Seele. Und dass sich »Himmel« auf »Getümmel« und »unumstößlich« auf »unauflöslich« reimen sind doch liebenswerte Geschenke! Von milder Festlichkeit geprägt ist das Pfingstlied Schmückt das Fest mit Maien. Lasset Blumen streuen, zündet Opfer an. (EG 135) Kein Geistgebraus, erhaben und dennoch intim kommt es in seiner zwischen Zweier- und Dreiertakt schwingenden Melodie daher. Vom »starken Gottesfinger« und dem vom »güldnen Himmelsregen« ausgeschütteten Segen wird hier gesungen. Die geschmückten Hörner des Altars aus dem Pfingstpsalm 118 entstehen vor dem inneren Auge der Sängerin und rechtfertigen die verschwenderische Fülle der Bitten: »Hilf das Kreuz uns tragen, und in finstern Tagen sei du unser Licht; trag nach Zions Hügeln uns mit Glaubens Flügeln und verlass uns nicht, wenn der Tod die letzte Not, mit uns will zu Felde liegen, dass wir fröhlich siegen.« Viele der Gesangbuchlieder aus verschiedenen thematischen Zusammenhängen führen über Not und Tod in die geglaubte ewige Herrlichkeit: Strophen, die wir heute in unserer Praxis leider oft kürzen. Das ist schade, und so fehlt in meiner Strophenauswahl dieses Liedes nie die letzte mit der Bitte um fruchtbares irdisches Wirken »bis wir dort, du werter Hort, bei den grünen Himmelsmaien ewig uns erfreuen.« Ist doch wichtig.

Am Sonntag nach Pfingsten, an Trinitatis, wird nun gefeiert, dass Gott in allen seinen drei Personen für dieses Jahr wieder komplett bei uns angekommen ist. Dies wird wunderbar im klassischen Katechismuslied Gott der Vater steh uns bei (EG 138) von Martin Luther verdeutlicht: Alle drei Strophen haben denselben Text, an jede der drei göttlichen Personen wird dieselbe Bitte mit nachdrücklichem Amen und Halleluja am Schluss besiegelt. Nun beginnt die thematisch weniger gebundene Zeit des Kirchenjahres, die x-undzwanzig Sonntage nach Trinitatis, die Raum für die Liedfülle des Gesangbuches sind. Ich blättere mein Erbstück ganz durch - und auf der letzten Seite ist etwas dem Gedruckten hinzugefügt. Datiert einige Tage vor ihrem Tod, hat die alte Dame mit zittriger Greisinnenhandschrift geschrieben: »Ich lege still in Gottes Hände, das Glück, das Leid, den Anfang und das Ende.« Spürte sie, dass sie im Hier und Jetzt genug gesungen habe? Dies lenkt meinen Blick auf den letzten Sonntag des Kirchenjahres, den Toten- oder Ewigkeitssonntag. Denn er verweist auf die Zukunft des Singens von Menschen als Grundhoffnung aller, die jemals Gesangbücher zur Hand genommen haben: Einmal werden wir alle, ob hell oder krächzend, im »höheren Chor« um Gottes Thron stehen: Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelszungen. (EG 535) Am Ende steht also der Gesang von allen. Das beflügelt mich, die Schätze des »Hausfreundes« Gesangbuch immer wieder zu heben: da capo e da capo e da capo . al fine: »Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt; wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron.«



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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23