Jazz ist viel mehr

Er ist unterwegs zwischen Kirchgellersen und Kopenhagen, Scharnebeck und Athen, zwischen Dorfkirchen und Kathedralen. Bodenständig und weltläufig, schlicht und auf höchstem künstlerischen Niveau.

Hedwig Gafga (Journalistin, Hamburg)

Wer Daniel Stickan in den verschiedenen Sphären erlebt, wundert sich nicht allzu sehr darüber, dass es ihm gelingt, die Welten zu verbinden. Der Orgel- und Pianospieler ist in seltenem Maße präsent, hingegeben an den Moment, an sein Spiel und an die Menschen, mit denen er gerade zu tun hat. Daran vor allem mag es liegen, dass der Musiker sich traut zu verbinden, was normalerweise getrennt ist: Er spielt auf der Orgel Jazz, berührend, melodisch, voller Dynamik. Jazz an der Orgel, das gibt es nicht, sagen manche Musikexperten. Der Musiker aus Lüneburg, 31, verbindet die Improvisation und das Kircheninstrument und lässt seine Zuhörer in seinem Spiel pure Lebensfreude, Jubel, Zerbrechen und Klage spüren. So haben sie die Orgel noch nicht gehört. Unter dem schlichten Titel Jazz wird Kirchenmusik bieten Daniel Stickan und der Berliner Saxofonist Uwe Steinmetz eine Konzertreihe aus Eigenkompositionen an: klangvolle, meditative Stücke mit Titeln wie Nothing, Calling oder Waves, in denen sich Orgel und Saxofon, alte Meister und junge Musiker begegnen. In der Komposition Tiefer Grund nehmen die beiden den Dialog mit dem Choral Jesu, meine Freude auf. Das Leitmotiv des alten Kirchenlieds gerät dabei mitten auf den Jahrmarkt des modernen Lebens und geleitet, zerlegt in seine Teile, über unbeschwerte wie bedrohliche Wegstrecken hinweg. Von der geglückten Zwiesprache zeugt das gleichnamige Stück auf der CD Signale (erschienen in der Edition Chrismon). Warum passt zusammen, was als unvereinbar galt? Der Orgelspieler legt sein Kinn in die Hand und, ja, er bestätigt die Zweifler: »Was Jazz auszeichnet, kann die Orgel nicht. Ob ein Spieler den Ton vorsichtig oder stark anschlägt, das macht bei der Orgel keinen großen Unterschied. Sie kann nicht genau differenzieren zwischen laut und leise. Jazz braucht eigentlich den Club, einen Raum, der die Töne einfängt, nicht einen starken Hall, wie er Kirchen eigen ist.« Daniel Stickan sagt das nur, um zu erklären, warum die Zeit für Jazz und Orgel reif ist: Das Gesagte gelte nur für traditionellen Jazz. Aber, »Jazz ist viel, viel mehr.«

Und: Jazz soll für ganz bestimmte Lebensumstände passen, in diesem einen Moment entstehen: »Das ist es, was diese Musik ausmacht.« Daraus entsteht bei ihm eine aufregende spirituelle Sprache, die das Vertraute aufnimmt, unterbricht und verwandelt. Nach seinem Examen an der renommierten Hochschule für Musik und Theater in Hamburg quälte den jungen Musiker die Frage, wohin sein Weg denn führen solle: Jazzpiano oder künstlerische Orgel? Beide Fächer hatte er studiert. Jeder, der sich in seinem Metier auskannte, habe ihm geraten, sich ein eindeutiges Profil zuzulegen, um sich auf dem Musikmarkt zu behaupten. Entweder oder. Jazzclub oder Kirche. Seine Lösung lautete: »Ich entscheide mich nicht.« Beides muss zusammengehen. Da hatte er neben dem Jazzclub bereits die Kirche als Ort der Musik wiederentdeckt. Immer häufiger spielte er in Gottes diensten die Orgel. Dabei sei sein theologisches Interesse gewachsen, sagt er. Schon als Kind gab es in seinem Leben beides: Jazz und Kirche. Im Elternhaus stand ein Klavier, und an Geburtstagen machte die Familie zusammen mit Onkel und Tante Hausmusik. Dabei durfte es kreuz und quer durcheinander gehen, es wurden klassische Stücke aufgeführt und Schlager geschmettert, wie es gerade passte - »ein spielerisches Milieu«, das schon im Erstklässler die Lust aufs Klavierspiel weckte. Früh ging er auch in die Kirche, aber anders als üblich. Sein Opa war Dorfpfarrer, der Junge lief in der Kirche herum, stieg hinter einer Wand die schmale Treppe auf die Kanzel hinauf und schaute sich um. Geheimnisvoll und außergewöhnlich kam ihm dieses Haus vor. Etwas von diesem Gefühl spürt er manchmal noch heute.

Wie kürzlich nachts im Bremer Dom, als er sich auf den Auftritt am anderen Abend vorbereitete. »Man beherrscht ein Universum da oben, beschreibt er sein Empfinden, »sehr abwechslungsreich, sehr sinnlich.« Der Abend war Teil der Reihe Musikalische Grenzgänge. Da kamen Menschen, die vor allem neugierig waren auf die unbekannten musikalischen Pioniere, denn einen berühmten Namen hat das Duo Steinmetz/Stickan, das seit 2009 zusammenspielt, noch nicht. Aber die Zuhörer horchten auf und die Musiker erlebten einen jener seltenen Momente, die als »Flow-Effekt« beschrieben werden, »das Gefühl, das die Zeit aufgehoben ist und das Stück sich selbst spielt«.

Wenn wenige Zuhörer da sind, holt Stickan die Leute nach oben auf die Empore, gleich neben die Orgel, damit sie möglichst viel mitbekommen. Es macht Spaß, ihm bei der Arbeit zuzusehen, wenn er mit den Händen über die Tasten springt und mit den Füßen über die Pedale tanzt. Ein Gottesdienst wird zu einem kleinen Erlebnis, wenn Stickan eingangs mal eben ein Präludium von Bach intoniert. In seinem Anspruch an die eigene künstlerische Leistung ist er absolut, im Umgang mit anderen dagegen tritt er bescheiden auf. Deren Wünsche nimmt er ernst. Für die nächste Taufe hat er sich auf ein Lied der Popgruppe Silbermond vorbereitet, das sich die Eltern des Täuflings wünschen. Auch von Schlagern und Volksliedern lässt er sich inspirieren. Wenn der leidenschaftliche Orgelspieler nicht gerade Studenten an der Hamburger Musikhochschule unterrichtet, ist er meist in einer der Kirchen im Landkreis Lüneburg unterwegs, für fünf besitzt er die Schlüssel. Oft improvisiert er, übt, »in dem Moment zu sein«, nur so finde man das musikalische Vokabular, um Jazzstücke zu spielen. Dabei hat er die Orgeln in den Dörfern wie einen vergessenen Schatz entdeckt. Auf der Orgel von Scharnebeck, einem wertvollen Instrument mit vieroktaviger Tastatur, wird er im Sommer die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach als CD einspielen, ein Projekt, das dem Erhalt der Orgel zugute kommt. Es soll beendet sein, wenn seine Frau im Herbst ihr zweites Kind bekommt. Daniel Stickans Gabe der Improvisation wird dann in mehrfacher Hinsicht gefragt sein.



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Publikationsdatum dieser Seite: 2017-07-18