Gospel und Kirche

"BeGeisterung durch Goseplsingen" - eine erste bundesweite Befragung mit 8.411 Antworten lässt die Begeisterung bei der Mitwirkung im Gospelchor, beim Singen dieser "fröhlichen" Musik, spürbar werden.

Petra-Angela Ahrens (Soziologin, Hannover)

Nicht nur die Freude am Singen, sondern auch die Erfahrung von Gemeinschaft im Chor und die verbindende Wirkung, die Gospelmusik für sonst ganz unterschiedliche Menschen entfaltet, stehen ganz oben in der Priorität des persönlichen Erlebens. Darüber hinaus hat das Singen im Gospelchor für die meisten eine religiöse Dimension, wenngleich diese nicht unbedingt im kirchlichen Sinne zu verstehen ist. Viele empfinden, dass sich ihre Religiosität (32 Prozent) und ihre kirchliche Bindung (44 Prozent) durch ihr Engagement im Gospelchor intensiviert haben. Fast alle Gospelchöre wirken in Gottesdiensten mit - darunter auch konfessionslose (9 Prozent). Seit dem Ende der 1990er-Jahre schreibt der Gospel seine Erfolgsgeschichte in Deutschland. Er hat sich zu einer etablierten Größe entwickelt: Gospelkirchen verteilen sich über das gesamte Bundesgebiet. In vielen Gemeinden zählen Gospelchöre zum festen Angebot. Der Gospelkirchentag 2010 in Karlsruhe zog 70.000 Menschen an. Aber was ist das Geheimnis dieser Anziehungskraft? Freude am Singen, Gemeinschaft und religiöse Stärkung werden auch in anderen Zusammenhängen erlebt, sind also für sich genommen kein Spezifikum des Gospels. Ein Geheimnis liegt im »Atmosphärischen«, das Gospel schon als Musikgenre ausstrahlt. Sein moderner, rhythmusbetonter Stil gibt Schwung, versetzt in Bewegung.

Zwar steht die »religiöse Musikalität« immer an erster Stelle, wenn es um das Interesse an Glauben und Kirche geht. Doch spielen auch ästhetische Präferenzen, also geschmackliche Vorlieben eine wichtige Rolle dafür, wovon man sich angezogen fühlt oder nicht. Musikvorlieben haben sich in Studien, die sich mit den Milieus oder Lebensstilen in unserer Gesellschaft beschäftigen, als wichtiger Indikator für die Differenzierung verschiedener Milieus erwiesen. Das hat damit zu tun, dass sie stark an das Alter gekoppelt sind. Diesen Effekt kennt jede und jeder: Die Musik der Kindheit und Jugendzeit ist und bleibt ein wichtiger Bezugspunkt im Leben. So kommt es, dass sich auf Rockkonzerten - einstmals Sammelpunkt der gegen Tradition und Konvention aufbegehrenden Jugend - seit längerem auch Eltern mit ihren erwachsenen Kindern treffen. Musikvorlieben hängen aber auch eng mit dem (formalen) Bildungsstand zusammen: Liebhaber von E-Musik etwa findet man vor allem unter hochkulturell Interessierten und höher Gebildeten und dabei überwiegend auch eher Älteren. Gewissermaßen als Gegenpol zu beidem lässt sich die Volksmusik verstehen, die ihr Publikum meist unter formal geringer gebildeten Älteren findet. Dabei gilt im Grundsatz: Wer Rockmusik mag, wird kaum zum Festival der Volksmusik vor dem Fernseher sitzen, im Foyer des Opernhauses wird man höchst selten auf Liebhaber der Volksmusik treffen. An diesen Beispielen lassen sich drei Stiltypen in unserer Gesellschaft unterscheiden, die auf Gerhard Schulzes Milieuansatz zur »Erlebnisgesellschaft« zurückgehen: Spannung (Rockmusik), Hochkultur (klassische Musik) und Trivialität (Volksmusik). Sie können als gemeinsames Grobraster für die unterschiedlichen Milieu»Landkarten« verwendet werden, die in der Forschung entwickelt worden sind. Die Teilnahme an kirchlichen Angeboten - ob Gottesdienst, Gemeindefest oder die verschiedenen Gruppen und Kreise - konzentriert sich auf den Bereich, in dem vorwiegend die Älteren, im Schnitt eher etwas höher Gebildeten, zu finden sind. Offen ist bisher, wo sich die Fans von Gospelmusik einordnen lassen.

Unsere Studie von 2008 ergab: An vorderster Stelle in der Beliebtheit stehen bei den Sängern in Gospelchören - wie auch in der Bevölkerung insgesamt - Pop, Musical und Rock. Bei den häufigen Gottesdienstbesuchern sieht das Ergebnis - abgesehen vom Musical, das auch bei ihnen den zweiten Platz belegt deutlich anders aus: Sie geben der klassischen Musik den ersten Platz (80 Prozent), und das mit großem Abstand zu den Gospelsängern (41 Prozent). Geradezu gegenläufig sind die Bewertungen für Volkslieder /Volksmusik, Operette, Oper und in der Tendenz auch für Schlager: Die bei Gottesdienstbesuchern beliebten Genres finden unter Gospelsängern wenig Resonanz. Über Musikvorlieben lässt sich erkennen, dass sie sich in der Milieu-»Landkarte« dem Bereich des Stiltypus »Spannung« zuordnen lassen. Sie sind mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren sogar noch jünger als die Bevölkerung insgesamt (46 Jahre) - darunter auffallend stark die Gruppe der 40- bis 49-Jährigen (35 Prozent). Die Sänger, die sich in Gospelchören engagieren, sind übrigens überwiegend gut oder gar hoch gebildet, haben die Hochschulreife (17 Prozent) oder einen Hochschulabschluss (39 Prozent) erreicht. Das zeigt, dass Gospel gerade bei den eher jüngeren und höher Gebildeten, die dem Stiltypus »Spannung« zuneigen, auf großen Zuspruch trifft.

Vieles deutet darauf hin, dass sich der Stiltypus »Spannung« in unserer Gesellschaft weiter ausdehnt. So haben sich die älteren, traditionsorientierten Milieus, die fest in Glauben und Kirche verankert sind, nach den Studien des Sinus-Instituts von 47 Prozent im Jahr 1982 auf 24 Prozent im Jahr 2009 nahezu halbiert. Diese Entwicklung stellt eine Herausforderung für die Kirche dar. Der Gospel bietet eine wichtige Möglichkeit, diese Herausforderung anzunehmen. Denn er öffnet jenen eine Tür zur Kirche, die zwar »religiös musikalisch« sind, ihren Stiltypus im traditionell hochkulturell orientierten Gemeindeleben aber kaum finden. Gospel durchbricht bisherige Milieubegrenzungen. Dabei stehen sich »Gospel« und »Bach« nicht als einander ausschließende Alternativen gegenüber: Die Ergebnisse der Befragung von Gospelchören liefern deutliche Anzeichen dafür, dass sich zunehmend auch Liebhaber von klassischer Musik und Oper vom modernen, rhythmusbetonten Singen der frohen Botschaft begeistern lassen.



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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23