Glanz des Himmels auf der Erden

Bläserchöre sind in vielen Gemeinden das Herz der Kirchenmusik. Völlig zu Unrecht stehen »Posaune & Co« im Ruf, altmodisch zu sein. Neben den güldenen Choralweisen gibt es heute auch sehr viel Repertoire, das junge Leute begeistert: Jazz, Swing und sogar Hip-Hop.

Dieter Sell (Journalist, Bremen)

Kirchwalsede im Landkreis Rotenburg - mal klingt es, als ob eine ganz Horde Pferde prustet, mal hört es sich an, als ob eine Rotte Formel-Eins-Flitzer über den Stadtkurs von Monaco zischt. Mit sichtlichem Spaß trainiert der sieben- bis neunjährige Posaunennachwuchs im niedersächsischen Kirchwalsede die Lippen. Wer jetzt sein Ohr an die Tür des Gemeindezentrums der örtlichen St.-Bartholomäus-Kirche legt, wundert sich: Abwechselnd wird locker-schlabbernd geprustet, dann wieder mit leicht errötetem Kopf Luft durch die Lippen gepresst. Die Bläserinnen und Bläser in dem kleinen Dorf am Rande der Lüneburger Heide gehören zu den etwa 7.000 Posaunenchören, die unter dem Dach des Evangelischen Posaunendienstes in Deutschland mit rund 120.000 aktiven Mitgliedern organisiert sind. »Wir stellen seit vielen Jahren eine intensive Nachwuchsarbeit auf die Beine«, sagt Gisela Beulshausen, die an diesem Nachmittag die Stunde in Kirchwalsede leitet. Derzeit sind es zwanzig Kinder in drei Gruppen und im Einzelunterricht, die bei der pensionierten Lehrerin üben, wie aus Luft, Fingerakrobatik und einem Instrument hörbare Bläsermusik entsteht. Die richtige Körperspannung ist dabei nicht alles, aber nichts geht ohne sie. »Dafür müssen die Füße richtig auf dem Boden stehen«, sagt der junge Tim Kunike, der Lehrmeisterin Beulshausen unterstützt. Damit für die Kleinen nicht ständig passende Stühle angeschafft werden müssen, hat sich der Chor etwas einfallen lassen: Hölzerne Fußbänke in drei unterschiedlichen Höhen sorgen dafür, dass der Nachwuchs Bodenhaftung behält.

Die Körperspannung stimmt, die Lippen sind locker - dann kann's ja losgehen. Doch bevor Lars, Lasse, Tom, Johanna, Romina, Joris und Jonathan ihre Instrumente in die Hand nehmen, klopfen sie mit den Füßen einen Rhythmus. Auf den abgezogenen Mundstücken ihrer Trompeten geben sie eine kleine Melodie durch die Reihe. So, jetzt sind auch die Ohren bereit. »Wenn ihr wisst, welcher Ton das ist, spielt ihr ihn einfach nach«, ermutigt Gisela Beulshausen und greift zu ihrem Tenorhorn. Na ja, einfach? Die tieferen Lagen funktionieren auf Anhieb. Aber je höher es hinaufgeht, desto anspruchsvoller wird es für die angehenden Bläser. »Bauchmuskeln und Lippen anspannen, damit alle den Ton erwischen«, rät Beulshausen beim »F«, das jetzt ansteht. Beim zweiten Versuch treffen ihn dann tatsächlich alle.

Also kann es mit einem Notenblatt weitergehen, das Beulshausen extra für die Anfänger entworfen hat. Drei Töne kunterbunt lautet der Titel. Dann folgt ein Stück, in dem ein ängstliches Gespenst die Hauptrolle spielt: »U-h-hu, ich fürchte mich. U-hu-hu, ich fürchte mich«, wehklagt trompetend das Monster, was ein wenig chaotisch klingt. »Hauptsache, es macht Spaß«, betont Beulshausen. »Ich kenne viele, die Trompete spielen - das möchte ich auch gerne können«, hat sich die neunjährige Johanna vorgenommen. Sie spielt in Kirchwalsede mit, der mit mehr als vierzig aktiven Bläserinnen und Bläsern den größten Posaunenchor im umliegenden Kirchenkreis Rotenburg stellt. Über die Region hinaus ist er für seine erfolgreiche und beispielhafte Nachwuchsarbeit bekannt. Über Jahrzehnte wurde hier nie die Ausbildung vernachlässigt. Regelmäßig wird in Schulen geworben, alle paar Jahre öffnet eine neue Anfängergruppe. Der Chor stellt die Instrumente, die Übungsstunden sind frei. Nur die Noten kosten. Immer gibt es mehrere Bläser aus einer Altersgruppe. »Das ist wichtig, damit sich alle wohlfühlen«, hat Gisela Beulshausen erfahren. »Das gilt nicht nur für die Jüngeren. Gleichzeitig bietet gerade das Miteinander der verschiedenen Altersgruppen von sieben bis siebzig ein Erfahrungsfeld, das umso wichtiger ist, weil der altersübergreifende Kontakt heute längst nicht selbstverständlich ist.«

Die Jüngeren orientieren sich an den Älteren, die Älteren nehmen Anteil an der Entwicklung der Jüngeren und lassen sich von ihnen inspirieren. Ganze Familien spielen mit - vom kleinen Steppke über den Jugendlichen mit gegeltem Haar und weiten Bermudashorts bis zum weißhaarigen Großvater. »Damit sind Strukturen vorgegeben, in die sich der Einzelne einfügen muss«, beschreibt Beulshausen. »Nicht unter Druck, sondern in der Einsicht, dass Musik nur so gelingen kann.« Dabei geht es nach ihrer Beobachtung bei Übungsstunden, Konzerten und der jährlichen Bläserfreizeit durchaus locker und ungezwungen zu. »Wichtig ist, dass jeder jeden respektiert, unabhängig vom Alter und vom technischen oder musikalischen Können. Viele Posaunenchöre haben familiäre Züge und sind tief verwurzelt in den Gemeinden«, berichtet Pfarrer Bernhard Silaschi, Leitender Obmann im Evangelischen Posaunendienst Deutschland. »Großvater, Vater, Enkel, Frauen und Männer, Akademiker neben dem Handwerker und dem Arbeiter - da wird generationen- und milieuübergreifend geblasen.« Ein Querschnitt durch Kirche und Gesellschaft nennt Silaschi das und spricht von »unverkrampften Begegnungen«. Wenn Jung und Alt nebeneinander Musik machen, kann das natürlich nicht ohne Einfluss auf das bleiben, was gespielt wird. Das Notenmaterial habe sich stark verändert, betont der fünfundfünzigjährige Silaschi, der selbst im westfälischen Bad Oeynhausen aktiv bläst. Zwar sei der Choral nach wie vor die Brot-und-Butter-Literatur. Daneben gebe es aber mittlerweile Jazz, Swing oder auch Hip-Hop. »Wenn wir junge Menschen gewinnen wollen, müssen wir uns ihren Musikstilen öffnen«, bekräftigt Silaschi.

Auch in Kirchwalsede wird so manches Vorurteil vom staubigen Image der traditionsreichen Musik ins Wanken gebracht. Hier reicht das Repertoire vom Anfängerkanon über doppelchörige Werke bis zu Stücken von Popikone Michael Jackson. »Da ist nichts altbacken - und so ein Bachsatz ist auch nicht schlecht«, schwärmt der 16-Jährige Tim Kunike, der schon seit zehn Jahren dabei ist. »Faszinierend ist: Man lernt hier immer etwas dazu.« Ob es nun Gottesdienste, Geburtstage, Ehejubiläen oder Konzerte sind - jährlich tritt der Kirchwalseder Chor durchschnittlich bei sechzig Einsätzen auf, ist präsent im Dorf und in der Region bekannt wie ein bunter Hund. Höhepunkte sind nationale Treffen mit jeweils Tausenden Aktiven und jede Menge funkelndem Blech wie beim Deutschen Evangelischen Posaunentag in Leipzig oder dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Silaschi: »Nicht nur Jugendliche lieben solche Events, bei denen es so richtig groovt.« Die Anfänge dieser bundes- und sogar weltweiten kirchlichen Bläsergemeinschaft gehen auf die Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert zurück. Überliefert sind in diesem Zusammenhang die Schimpftiraden des Predigers Ferdinand Crome, der in Norddeutschland gegen Musiker wetterte, die damals bei Erntedankfesten und Hochzeiten munter aufspielten. »De Musikanten sünd den Dübel siene Knechte und helpt de Lüer in de Höll«, ätzte Crome, der ihnen mit Posaunen und frommen Chorälen Paroli bot. Vermutlich waren es aber schon vorher die Herrnhuter Brüder in der Oberlausitz in Sachsen, die den ersten evangelischen Bläserchor gründeten. Der Begriff »Posaunenchor« taucht erstmals in Aufzeichnungen ihrer Brüdergemeinde von 1764 auf. Zuvor wurde bereits zu Luthers Zeiten die Bläsermusik in das Gotteslob miteinbezogen. Mit der Reformation schlug die große Stunde der Blasinstrumente in der Kirche.

Und heute? »Posaunenchöre sind zum einen Gemeindearbeit - zum anderen unterstützen sie den Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft«, sagt der Vorsitzende der »Stiftung Posaunenwerk« in der Hannoverschen Landeskirche Hartmut Merten. »Durch die Musik helfen sie, Menschen Lust auf Glaube und Kirche zu machen«, meint der Lüneburger Pastor. »Der Klang der Posaunen bringt etwas vom besonderen Glanz des Himmels auf die Erde«, ist Bernhard Silaschi überzeugt. Muntere Klänge eingeschlossen. Eine Hörprobe für den neuen Sound der evangelischen Kirche lieferte Landesposaunenwart Reinhard Gramm aus Stade bei Hamburg passend zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Damals komponierte der experimentierfreudige Kirchenmusiker eine WM-Fanfare für Vuvuzelas und Posaune. Deutsches Fußballer-Tempo hieß das Stück, das Liebhaber in ganz Deutschland fand. »Wer Trompete oder Posaune spielt, der kann auch jeder Vuvuzela Klänge entlocken«, sagt Gramm mit einem Schmunzeln. Da ist er wieder, der Spaß, der auch nach Überzeugung der Kirchwalseder Übungsleiterin Gisela Beulshausen nicht fehlen darf. »Plus Unterstützung in den Familien, die ist auch wichtig«, betont sie. Obmann Silaschi freut sich über Engagierte wie sie, die unermüdlich den Nachwuchs fördern. »Ohne sie geht nichts«, sagt er, erwähnt aber auch die Kraft der Musik selbst: »Sie öffnet die Herzen - und Posaunen vermitteln einfach Lebensfreude. Deshalb sind so viele Bläserinnen und Bläser über Jahre dabei.«



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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23