Für die Orgel

Wer machte eigentlich wann Musik in der Kirche?

Das stimmige Zusammenwirken von Musik und Predigt in der Kirche ist für einen gelungenen Gottesdienst essenziell. Gesprochenes Wort und Klang gehen dann Hand in Hand. Doch das Verhältnis zwischen beiden ist oft spannungsvoll. Dabei gibt es gute Gründe, die Orgel auch in Zukunft »verkündigen« zu lassen.

Konrad Klek (Kirchenmusiker und Theologe, Erlangen)

»Die Orgel spielt uns das Lied einmal vor ...« Solch eine Ansage kommt vor in Gottesdiensten. Wörtlich genommen wäre also mit einem Orgelautomaten zu rechnen, der Lieder eingespeichert hat und auf Knopfdruck abspielt. Die Gemeinde hört sich eine Strophe an und singt dann bei den Wiederholungen mit. Eine Zukunftsvision, vielleicht mancherorts schon Realität? Zwei kirchliche Selbstverständlichkeiten stehen durchaus in Frage: 1. Die Orgel spielt; 2. Die Gemeinde singt. Dass zur Kirche die Orgel gehört wie der Altar, ist leicht zu relativieren. In vielen alten Kirchen stellt sich bei Orgelbauprojekten als erstes die Frage, wo das Instrument überhaupt hinpasst. Der Baugrundriss hat so etwas nicht vorgesehen. Auch nach 1945 haben moderne Architekten bisweilen ambitioniert Kirchenräume entworfen, ohne einen Orgelstandort einzuplanen. Im altehrwürdigen Kloster Alpirsbach wurde so jüngst eine mit hohem Aufwand auf Luftkissen fahrbare Orgel installiert. Die gegenpolige, billige Lösung heißt heute: Ein wegtragbares Keyboard mit Lautsprecherverstärkung tut's auch. Warum brauchen wir denn überhaupt ein Instrument in der Kirche? Über mehr als tausend Jahre hinweg feierten Christen ihre Gottesdienste ganz ohne. Sie sangen. Anfänglich bezeichnete man die Gemeinde sogar mit dem Musikbegriff »Chor«. Dahinter steht die Vorstellung, dass der irdische Gottesdienst auf den himmlischen verweist. Im Himmel aber wird nicht mehr gepredigt, gebetet oder ein Sakrament gereicht, da wird - direkt vor Gottes Thron - einfach nur noch gesungen, wie es das letzte Buch der Bibel bezeugt. »... dass ich Dir Psalmen sing im höhern Chor.« nennt ein bekanntes Lied (EG 328, Strophe 3) die Zielrichtung des irdischen Singens. Mit der allgemeinen Klerikalisierung der Kirche wurde auch das Singen eine geistlich-elitäre Angelegenheit. Die Mönche sangen täglich in ihren Stundengebeten fast ohne Unterlass, aber im Separée des »Chorgestühls«, der eigentliche »Chor« war nun räumlich abgetrennt hinter »Chorschranken«. Dem Kirchenvolk blieb bei Messen nicht viel mehr als Kyrieleis zu skandieren. Für Martin Luther gilt im Gottesdienst nur das Gegenüber von Gott und Gemeinde. Gott spricht zur Gemeinde »durch sein heiliges Wort«, die Gemeinde antwortet laut der berühmten Torgauer Formel, die der Reformator in seiner Einweihungspredigt der Schlosskapelle zu Torgau 1544 prägte, »mit Gebet und Lobgesang«. Ohne Lobgesang der Gemeinde geht es also nicht, daher die Wiederentdeckung des Gemeindelieds durch die Reformation. Die Gemeinde macht die Musik in der Kirche, indem sie Gott lobt. Ihr Dialogpartner »Wort Gottes« kommt in musikalischem Gewand daher: Auch die Lesungen werden gesungen. Im Grunde ist also nur die Predigt »unmusikalisch«. Für dieses Dialoggeschehen Gottesdienst bedarf es essenziell keiner Orgel. Sie ist zunächst ein Luxusgut, ein Wohlstandsphänomen in Städten, wie heute Renommierprojekt der Bürgerschaft. Der Gemeindegesang wird angeleitet von einem Vorsängerchor mit Kantor, man singt »choraliter« - wie beim gregorianischen Choral des Mittelalters - einstimmig. Das ist auch noch zu Zeiten Bachs in Leipzig so. Der Organist »präludieret« zwar den Choral, macht ein Vorspiel, aber die Gemeinde ist zum Singen selber groß. Seitdem sich im Laufe des 17. Jahrhunderts die Dur-Moll-Harmonik auf einem Bassfundament durchgesetzt hat, ist es musikalisch durchaus sinnvoll, Melodien mit Harmonien zu stützen, und es ist einfach praktikabel, den Gesang von Hunderten mit kräftigem Orgelklang zu steuern. Organisten schlagen aber gerne über die Stränge, improvisieren, was ihnen in die Finger kommt, und fühlen sich oben auf ihrer (zweiten oder dritten) Empore über die »Niederungen« der Gemeinde erhaben.

Der junge Bach etwa, mit 18 Jahren Organist in Arnstadt an der »Neuen Kirche«, ausgestattet mit neuer Orgel, erhält alsbald einen Rüffel, weil er die Gemeinde mit seiner Begleitung beim Singen »confundiere«, also verwirre. Erst im 19. Jahrhundert setzt sich flächendeckend die Orgelbegleitung der Gemeindelieder durch. Fast jede Kirche erhält jetzt eine Orgel und den entsprechenden Bedarf an Orgelspielern deckt die staatliche Lehrerausbildung ab, welche Orgelspielen zur Lehrerpflicht macht. Die Trennung von Staat und Kirche nach 1918 zwingt die Kirchen, selber nach Organisten zu suchen und in der NS-Zeit fallen die Lehrer ganz aus. Das ist auch eine Chance für musikalisch begabte Bauern oder (Haus-)Frauen aus der Gemeinde. Nach 1945 bildet sich ein offenes System mit einerseits professionell an staatlichen wie kirchlichen Hochschulen ausgebildeten Kräften, welchen die Kirche an zentralen Stellen eine Vollbeschäftigung bietet, andererseits mit von diesen vor Ort ausgebildeten, nebenamtlichen »Hobbyorgelspielern«. Diese wollen und können sich oft nicht fest verpflichten, weshalb der Bedarf immens ist und auf einen Profi oft zwanzig, dreißig und mehr Nichtprofis kommen. Im Pfarrdienst sieht das Verhältnis zwischen Profis und Hobbypredigern (Lektoren, Prädikanten) ganz anders aus! Überall, wo Menschen heute zusammen feiern, gibt es Musik. Meistens kommt sie über Lautsprecher von der Konserve. Und wenn live, dann zahlt man viel Eintritt für professionell dargebotene und mit aufwändigem Apparat inszenierte Darbietungen. Da kann die Livemusik des normalen Gottesdienstes schwer mithalten. Auch der starke Wandel der Stilprioritäten lässt einfache Orgelmusik vielen »uncool« erscheinen. Gefragt ist wohl auch kaum mehr »Vorschmack der ewigen Ruhe«. So haben sich vielerorts Keyboards einen festen Stellplatz unter der Kanzel erschlichen, auch Schlagzeuger aus der Gemeinde stehen bereit, um Rhythmus in die Kirche zu bringen - und fähige Organisten wetteifern mit ihnen um den besseren »Groove«. Mikro und Verstärker sind bestens im Geschäft, und weil man da so einfach aufdrehen kann, wird oft gar nicht bemerkt, dass in der Gemeinde kaum mehr einer mitsingt. Wie aber steht es dann um das Gotteslob der Gemeinde? Oder sollen wir uns den Himmel jetzt als Nonstopdisco mit voller Dröhnung vorstellen? Das Singen steckt zumindest in Deutschland allgemein in der Krise. Zu singen trauen sich viele nur noch unter der Dusche. Die Kirchenchöre und Kantoreien haben vielerorts einen schweren Stand. Sie überaltern, singen Musik, die den einen zu anspruchsvoll ist oder stilistisch nicht passt, den anderen wiederum behagt der Gemeindebezug nicht. Sie wollen lieber richtig »Leistung bringen«, zum Beispiel in einem Konzertchor. Das Ideal des Kirchenchores, nämlich jung und alt, Frau und Mann, Bäuerin und Akademiker in jeder Gemeinde zum Lobe Gottes zusammenzubringen, ist erst im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden. Die sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bildenden »Kirchengesangsvereine« waren neben den Diakonievereinen die ersten Basisgemeindegruppen überhaupt. Und die Pfarrer waren nicht immer glücklich darüber, dass da neben ihnen noch jemand aus der Gemeinde im Gottesdienst agieren wollte.

Heutzutage ist es schwer, speziell Männer zum Singen zu bringen, während Frauen sich weniger »genieren«. Auch für das Geschäft der Animation zum Singen, der Chorleitung, finden sich heute viel eher Frauen. Bei den boomenden Gospelchören aber scheinen sich Männer wohl wegen der stärkeren rhythmischen Komponente eher einklinken zu können. Praise the Lord ist nicht weniger Gott gelobt als Lobet den Herren. Die (post-)moderne Stilvielfalt ist eine neue Herausforderung für die Musik in der Kirche, die so bunt sich zeigen darf wie die Menschen bunt geworden sind. Entscheidend sollte bleiben, dass die Musik in der Kirche die Gemeindeglieder im Wortsinn beteiligt, hinein nimmt in das Loben Gottes, das bis zu den »himmlischen Chören« reicht, wie es im Sanctus sich artikuliert: »Voll sind Himmel und Erde deiner Herrlichkeit«!



Musik und Evangelium

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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23