Bis in alle Ewigkeit

Leidenschaft von Kindesbeinen an, heiligste Sprache für Gott und ergiebige Quelle von Liebe, Glaube, Spaß und Hoffnung über alles Irdische hinaus, oder: aus dem Sammelsurium eines Musikjunkies.

Reinhard Mawick (Theologe, Hannover)

Durch Regen und Herbststürme war es zur Probe gelaufen. Voller Angst vor den Wutanfällen der Kantorin, der strengen. Die schrie es an, und die schrie rum. Fast immer. Deswegen wollte das Kind die Kantorei hinschmeißen. Seine Mutter redete ihm beharrlich zu: »Nun geh mal, nachher tut es dir leid ... « Also blieb das Kind dabei. Endlich kam der große Tag: Die Kirchenbänke dicht gefüllt, ein Orchester ersetzt die berserkerhaft korrepetierende Kantorin am Klavier. Hektik, Gedränge, Stimmgeräusche, Stille. Dann der Einsatz: Pauken wirbeln, Flöten tirilieren, Streicherkaskaden rasen herab, Trompetenakkorde triumphieren! Das Kind im Chorgewand verschwindet im musikalischen Sog: »Jauchzet, frohlocket, auf. Preiset die Tage! Lasset das Zagen, verbannet die Klage!«

Als dies zum ersten Mal geschah, war ich zehn Jahre alt und hatte gerade begonnen, Gott als gütigen Großvater im Himmel zu verabschieden. Mein erstes Weihnachtsoratorium gab mir eine Ahnung, wo ich ihn künftig finden könnte. Die Angst vor der Kantorin schwand, denn ich wurde Tenor und das schuf viele Privilegien. Weiter, weiter, immer weiter ging die Reise durch den Kosmos der Klänge zur Ehre Gottes. Viele andere Sterne erschienen am inneren Klanghimmel. Manche wurden zu Fixsternen, manche verglühten, manche tönen immer mal wieder vorbei. Die Musik ist mein wichtigstes Gottesmedium geblieben. Zwar habe ich auch gerne Theologie studiert, aber meine Seele und mein Gemüt speisen sich vordringlich aus dem Kosmos der Kirchenmusik: Bach, Schütz, Mendelssohn & Co. Und gerne auch vieles davor und vieles danach. Musik ist für mich Berührung Gottes, bestes Gleichnis für alles Schöne, rettende Ästhetisierung vor allem Grauen. Kurz: Ich liebe die real existierende geistliche Musikwelt! Und Menschen, die ebenso empfinden, kenne ich viele. Gott sei Dank.

Doch Vorsicht! Die Besonderheit geistlicher Musik ist ihre Verbindung mit dem Wort, doch genau diese scheinbar klare Ausrichtung birgt Gefahren. Wer im Laufe seines Lebens Bach, Schütz, Mendelssohn & Co verinnerlicht hat, der oder die hat eine Hör- und Herzstruktur aufgebaut, die versucht ist, sich alles irgendwie genehm zu machen. Nehmen wir wahllos ein Beispiel aus dem großen Kosmos Bachscher Musik: »Nichts kann mich erretten / von höllischen Ketten / als Jesu dein Blut. / Dein Leiden, dein Sterben / macht mich ja zum Erben: Ich lache der Wut.« Die überschäumend fröhliche Musik dieser Arie aus der Pfingstkantate Wer mich liebet, der wird mein Wort halten (BWV 74) schmuggelt schmeichelnd einen Text in Herz, Seele und Gemüt, der eigentlich gründlich bedacht werden sollte: Rettung durch Blut? Erben durch Leiden und Sterben? Das wirft Fragen auf, kritische Fragen.

Oder das Bassrezitativ vor der herrlichen Arie Mache dich, mein Herze, rein aus der Matthäuspassion. Da singt der Bassist zum gottgleich klingenden Teppich aus Streichern und Oboen: » ... der Friedensschluss ist nun mit Gott gemacht, denn Jesus hat sein Kreuz vollbracht.« Ich bin berauscht, jedes Mal! Ob live, am iPod oder auch nur im Gedankenanflug dieses Werkes. Und der Rausch rührt sogar nicht nur von der realen Schönheit der realen Musik, sondern auch von der Vorfreude, denn ich weiß ja, dass nach diesem traumhaften Rezitativ diese nicht minder traumhafte Arie kommt, dieser vollkommene Himmelsflug. Aber was singt der denn da? »Mache dich, mein Herze, rein. / ich will Jesum selbst begraben ... « Ein Begräbnis statt eines Himmelsflugs, und das Ganze anmoderiert als »Friedensschluss mit Gott«? Schwierig. Da bleiben Fragen. Kritische Fragen. Bei Licht besehen, sehr kritische Fragen! Aber still, nicht hier und jetzt! Die Musik ist doch so schön, sie baut die Brücke zu einem Inhalt, der trocken vorgelesen Kopfschütteln auslöst. So entscheidet der Junkie der heiligen Musik: Ich muss dem theologischen Problembewusstsein nicht immer Vorschub leisten. Dafür gibt es Lehre und Forschung, dafür gibt es das allgemeine Schulwesen, die kirchlichen Gremien und dafür gibt es natürlich die Predigt. Bin ich sehr schräg veranlagt? Nein, denn ich weiß: Das geht nicht nur mir so, sondern auch vielen anderen, die, wenn man sie um drei Uhr nachts weckte, auf Knopfdruck Jesu, meine Freude singen könnten, das weiß ich sicher. Selbst wirkliche Künstler geraten, wenn sie ihren Panzer aus »Was-bin-ich-cool-und-routiniert-und-gut-gebucht« abgelegt haben, dankbar ins Schwärmen, wenn sie ihr Paralleluniversum aus Klang und Wort fruchtbarlich bedenken. Übrigens: In diesem Universum gibt es auch viel zu lachen. Wie lautet die kürzeste Fassung aller Bachoratorien? Hier ist sie: »Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, wie die Juden pflegen zu begraben.« Der Evangelist, der das so im Brustton der Überzeugung und in großer Pose auswendig gesungen haben soll, hatte das Rezitativ am Beginn des Weihnachtsoratoriums mit dem Rezitativ am Ende der Johannespassion in einer gigantischen Übersprungshandlung verknüpft und dabei einiges aus dem Leben Jesu unterschlagen. Allerdings geht das vielen Gläubigen mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis auch so: »Ich glaube ... an Jesus Christus, ... geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.« Fehlt da nicht was? Doch das ist eine andere Geschichte.

Folgendes Lustiges aber habe ich selbst gehört: Am Morgen des heiligen Sonntags Estomihi des Jahres 2011 kündigt eine geschmeidige öffentlich-rechtliche Rundfunkstimme die Bachkantate BWV 22 wie folgt an: Jesus nahm zu sich die Zwölfte ... Wie bitte? Da habe ich mich wohl verhört. Ein Freund, der diese Sendung zufällig mitgeschnitten hatte, schickte mir abends Ansage und Abspann auf MP3: »Sie hören die Kantate >Jesus nahm zu sich die Zwölfte ...<« Irrtum also unmöglich. Was aber nahm Jesus denn zum zwölften Mal zu sich? Diese Frage beschäftigt mich seit jenem Sonntag. Hoffentlich keine Drogen. Und was sagten die Zwölfe, seine Jüngerinnen und Jünger, die er eigentlich zu sich genommen hatte, dazu? Das weiß der smarte Rundfunksprecher allein ...

Aber ernsthaft: Was bleibt eigentlich von all der Musik, wenn wir unseren Lebenslauf vollenden? Was kommt danach? Wir wissen es nicht. Aber wir dürfen hoffen, und die lutherische Orthodoxie nährt diese Hoffnung. Ihr berühmtester Poet, Paul Gerhardt, hat sie in seinem berühmten Sommerlied Geh aus mein Herz und suche Freud in der zehnten Strophe in folgende Worte gekleidet: »Welch hohe Lust / welch heller Schein / wird wohl in Christi Garten sein? / Wie muss es da wohl klingen? / Da so viel tausent Seraphim / mit eingestimmten Mund und Stimm / ihr Alleluja singen.« Wie bitte? »Mit eingestimmten Mund und Stimm?« So lautet der Text jedenfalls in den von Johann Ebeling im Jahre 1667 herausgegebenen Liedern Paul Gerhardts. In späteren Fassungen des Liedes und auch im heutigen Evangelischen Gesangbuch ist das »eingestimmt« zu einem »unverdrossen« geworden. Mit »unverdross'nem Mund und Stimm« singen die Engel dort das Halleluja. Auch schön. Aber es klingt mir doch sehr nach Wandertag und das Wandern sollte doch dort, im Himmel, ein Ende haben. »Eingestimmt« hingegen führt zu einem wunderbaren Geheimnis, dem Geheimnis der vielstimmigen Einstimmigkeit dereinst im Himmel. Denn das Singen hat kein Ende. Wir müssen nicht faul auf Wolke sieben spekulieren, sondern wir dürfen auf den himmlischen Chor hoffen. Halleluja!

Für diesen himmlischen Chor hat uns der Theologe und Dichter Johann Matthäus Meyfart ein vorzügliches Bild geschenkt. Meyfart lebte von 1590 bis 1642 und dichtete unter anderem das schöne Lied Jerusalem, du hochgebaute Stadt. In einer Schrift gerät er ins Schwärmen über die Musik dort im himmlischen Jerusalem. Die Engel, so Meyfart, seien diejenigen, die »das Heilig, Heilig, Heilig ist unser Gott mit großem Geschrei anfahren und musizieren«. Und sie würden dann allmählich über alle Auserwählten »sich austheilen«, um den »seligen Kindern, Knaben und Jungfrauen den anmüthigen Discant / den Jünglingen und Frauen den reinen Alt / den Männern den freudigen Tenor / den alten aber den tieffen Baß zu stellen/ und allezeit ein neues Lied daher spielen und singen / ... ohne Aufhörung und doch ohne Verdrießung / ohne Aufhörung und doch ohne Wiederholung.« (Diese Kenntnis von Meyfart verdanke ich einem wunderbaren Buch von Anselm Steiger Geh aus, mein Herz, und suche Freud - Paul Gerhardts Sommerlied und die Gelehrsamkeit der Barockzeit - Naturkunde, Emblematik, Theologie, Berlin, New York, 2007 - hier Seite 59).

Wenn das keine Hoffnung ist! Und Johann Matthäus Meyfart stand damit nicht alleine. Aus dem irdischen Jammertal hat man sich im 17. Jahrhundert öfter gerne in den himmlischen Chor gewünscht und auch für das 21. Jahrhundert ist eigentlich nichts Besseres vorstellbar. Auch Johann Rist hat so eine Vision entworfen: »O Freud! O lieblichs Singen! / O süßes Lied! O Lustgeschrei! / O wunder fröhlichs Klingen! / O nimmerstille Kantorei! / Die schnellen Himmelsgeister / Und Engel stehen da / Wie die Kapellenmeister / Das gross' Allelujah / Mit uns auf hohen Geigen / Auf Lauten und Pandor / Zu machen / nichts soll schweigen / Im Bass / Diskant / Tenor!« (zitiert nach Steiger, Seite 43). Eine Stimme fehlt! Der Alt passte Rist wohl nicht mehr ins Versmaß. Aber ich bin überzeugt, er wollte nicht, dass Altistinnen und Altisten dermaleinst schweigen, sondern dass auch sie mitsingen im großen himmlischen Chor.

Summa: Singen im himmlischen Chor. Diese Hoffnung hält mich am Leben - freudig, vergnügt und unverzagt. Gestern, heute und morgen. Eia wär'n wir da ...



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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23