Eine-Welt-Musik

Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die das Christentum jeweils anders gestalten, zusammen kommen und das, was sie teilen, auf verschiedene Weisen zum Ausdruck bringen, entsteht Gemeinschaft und reger Autausch. Klingende Ökumene - Vision oder Wirklichkeit?

Fritz Baltruweit (Kirchenmusiker, Hildesheim)

Zur Vorbereitung und Durchführung der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver 1983 gab es eine »interkontinentale Musikgruppe« - mit Musikerinnen und Musikern aus fast allen Erdteilen. Wir haben zusammen gespielt und voneinander gelernt. Wenn ein Gesang aus Afrika »dran war«, dann hat jemand aus Afrika das Lied angeleitet. Wenn es eines aus Europa war, waren Dieter Trautwein oder ich »dran«. Das war ein wunderschönes Musizieren, ein voneinander und miteinander Lernen. Schon damals war mir klar, dass für das ökumenische Lernen gilt: »Paper doesn't work.« Für uns konnte man fast sagen: »Words don't work.« Denn wir bekamen durch dieses Miteinander ausgesprochen viel vom »Feeling« und der Atmosphäre auch der entsprechenden Kulturen mit, die durch die Musik transportiert wurde. Die Lieder hatten eine wirklich ausstrahlende, ja missionarische Dimension.

Bischöfe aus einigen Ländern bemerkten in Vancouver weit entfernt von ihrer Heimat zum ersten Mal: Es gibt nicht nur die europäischen oder amerikanischen Lieder und Hymnen, die wir normalerweise in der Kirche singen, sondern es gibt auch Lieder aus unserer ureigenen Kultur. Das Ergebnis: Diese Lieder wurden mitgenommen und in der eigenen Kirche vor Ort ausprobiert. Zu dem gemeinsamen Musikmachen kamen die Gespräche. Einmal fragte mich Simei Monteiro, Animateurin, Komponistin und Professorin in Sao Paulo, Brasilien, die später beim Weltkirchenrat in Genf für Gottesdienste zuständig war: »Wer legt eigentlich die Kriterien für die Kirchenmusik fest? Das ist doch eine Frage der Macht! Es gibt eine Geschichte des Sexismus und des Rassismus auch in der Kirchenmusik. Bei uns waren es zum Beispiel bestimmte Volksinstrumente, die im Gottesdienst verboten waren. Die Offiziellen sagten: >Eine Blockflöte ist ein Sexsymbol!< und wollten damit die Musik des Volkes aus dem Gottesdienst verbannen. Oder: >Die Trommel ist ein Instrument der Schwarzen!< Man durfte zeitweise auch keine schwarzen Klaviertasten benutzen, ja, noch nicht einmal die >schwarzen< Viertel- und Achtelnoten. Damit wurde der uns eigene Rhythmus unterdrückt.«

Es ist auch eine Frage der Theologie, ob mehrere oder nur ein Instrument im Gottesdienst vorkommen dürfen. Die Orgel spiegelt die Allmacht Gottes wider. Instrumente, die miteinander musizieren, betonen eher die Partizipation, die Gemeinschaft. Ja, wer setzt die Kriterien für die Musik in der Kirche? So habe ich erlebt, wie wichtig es Menschen ist, die eigene Kultur nach Jahrhunderten wieder musikalisch im Gottesdienst zu erleben, wie wichtig es ist, den Glauben in der eigenen Kultur, im eigenen Lebensgefühl auszudrücken. Und auch: Wie wichtig es mir ist, »meine« Kultur (zum Beispiel der neuen Lieder) im Gottesdienst (er-)leben zu können! Jahrhundertelang hatten wir Musik, hatten wir Kirchenlieder exportiert. Und es ist doch auch eine wunderschöne Erfahrung: Wir haben ein gemeinsames Erbe, das uns verbindet und das es zu bewahren lohnt. Unsere alten Lieder aus dem Gesangbuch. Ja., bei einigen Liedern, zum Beispiel einigen von Paul Gerhardt, gilt das für Christen fast um den Globus. Aber spätestens seit der Vancouver-Konferenz hat sich einiges verändert: Es kommt etwas zurück, was unsere Gottesdienste lebendiger macht, frischer, auch geistvoller - Lieder, die die Steifheit und das Museum aufbrechen. Natürlich sollen wir diese Lieder aus aller Welt nicht einfach so vereinnahmen. Es gehört auch dazu, dass etwas von dem spürbar wird beziehungsweise bleibt, was diese Lieder kulturell ausmacht, wenn wir sie singen.

Ein Lied zum Beispiel aus Afrika ohne Bewegung und Percussion ist sehr schnell in einer Weise eingemeindet, dass gar nichts mehr von dem übrig bleibt, was es ausmacht. Aber das gilt für unsere Lieder genauso: Auch ein Renaissancetanz aus dem Gesangbuch kann sehr schnell musikalisch eingeebnet werden (In dir ist Freude, EG 398). Aber wenn wir bewusst Lieder aus der weltweiten Ökumene singen, dann ist das ein großes Geschenk - zu wissen: Durch dieses Singen wird es bei uns im Gottesdienst lebendiger. Und auch in dem Wissen, dass das nicht nur bei uns geschieht.

Wie »Inkulturation« im Gottesdienst gerade auch durch die Musik wirklich wird und geschieht, konnte ich im Zeitraffer auch an vielen anderen Orten miterleben, zum Beispiel in Bethlehem. Dreimal habe ich dort den Gottesdienst in der lutherischen Kirche besucht. Bei meinem ersten Besuch 1981 fühlte ich mich dort wie zu Hause, da die Liturgie exakt derjenigen folgte, die mir aus Deutschland vertraut war. Ich konnte zwar das Arabische nicht mitlesen, aber ich wusste an jeder Stelle der aus Deutschland übernommenen Liturgie, wo wir im Gottesdienst waren. 1987 war die Liturgie noch genauso, aber ein Mädchen sang im Gottesdienst an drei Stellen jeweils ein palästinensisches Lied. Das waren für mich die Momente, die mich in diesem Gottesdienst am meisten interessierten. 1993 hatte die Gemeinde ihre Liturgie kontextualisiert: Liturgie, Gebete, Lieder im arabischen Kontext - ein Prozess, wunderbar mitzuerleben. Wie überall auf der Welt geht es auch bei uns darum, unsere Kultur einzubringen. Auch bei uns galt und gilt es zu fragen: Was ist Evangelium und was ist Kultur? Welche Kultur dominiert die Gottesdienste? Und welche brauchen wir? Ich erinnere mich noch gut an die Frage aus den 1970er-Jahren: Was hat ein Schlagzeug im Gottesdienst zu suchen? Ja, wie können wir dadurch, dass das Evangelium in die entsprechende Kultur, die je nach Milieu auch unterschiedlich sein kann, übersetzt beziehungsweise implantiert oder eben inkulturiert wird, unser eigenes Lebensgefühl im Gottesdienst wieder entdecken? Ich möchte abschließend noch einmal einen kurzen Ausflug in die europäische Ökumene machen. In Sibiu / Hermannstadt (Rumänien) fand 2007 im »Land der Orthodoxen« die 3. Europäische Ökumenische Versammlung der Konferenz Europäischer Kirchen und der Europäischen Bischofskonferenzen statt. Musikalisch war für mich die Konferenz und ihre Vorbereitung im Gottesdienstteam eine echte Überraschung. Bis dahin hatte ich die Musik der Orthodoxie eher als einen monolithischen Block wahrgenommen, in dem jede Komposition in einer tausendjährigen Tradition steht. Das löste sich auf einmal auf. Auch orthodoxe Musiker komponieren Neues, bringen Osten und Westen in ihrer Musik zusammen - und kommen dann noch musikalisch zusammen mit Lutheranern, Reformierten, Anglikanern, auch Gruppierungen wie Iona und Taizè. Beim Ökumenischen Kirchentag in München knüpften wir daran an und brachten ähnliche Erfahrungen in unserer Kultur zusammen zu einem miteinander durchkomponierten Gottesdienst. Ich habe das in München bei der Ökumenischen Feier zu Christi Himmelfahrt miterlebt. Ein altes Kreuz, eine alte Toaka, das ist ein hölzernes Instrument, das zum Gottesdienst ruft wie eine Glocke, alte und neue orthodoxe Gesänge - aber dann auch »unsere Musik« - in diesem Fall unter anderem eine hochkulturelle Komposition eines katholischen Kirchenmusikers zu dem biblischen Text, der sich wie ein roter Faden durch die Feier zog, die mit modernen, aber auch volkstümlichen und mitsingbaren Momenten eines evangelischen Liedermachers durchsetzt war. Ein Miteinander von verschiedenen kulturellen Elementen, verwoben und komponiert zu einem (fast) homogenen Ganzen.

Wenn Menschen sich in einem gemeinsamen Lernprozess befinden, der durch Begegnungen wächst, dass Menschen verschiedener Herkunft miteinander lernen und Lieder aus der »Einen« Welt singen und so Gottesdienst miteinander feiern, dann entsteht Neues - auch die Vision von der »Einen« Kirche.



Musik und Kirche

Copyright Evangelische Kirche in Deutschland2018 | Datenschutz | Impressum | Sitemap
Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23