Danke für dieses Danke!

Als Kinder liebten wir die kleinen Single-Schallplatten unserer Eltern. Sie besaßen in der Mitte ein großes Loch, sodass man ein Zusatzstück auf den Plattenspieler legen musste, um sie zu hören. Schon allein dieser Umstand umgab die Singles mit einer besonderen Aura.

Peter Bubmann (Kirchenmusiker und Theologe, Erlangen)

Neben einer Werbeplatte für Medima-Angoraunterwäsche aus Pappe war es vor allem die kleine Scheibe mit dem Danke-Lied, die uns faszinierte. Man musste ja die Geschwindigkeit des Plattenspielers auf 45 Umdrehungen erhöhen, vergaß es aber manchmal absichtlich, weil es dann noch ulkiger klang. Drei Jungs sangen dann mit Inbrunst abwechselnd Medima, Medima und Danke für diesen guten Morgen . Nachdem der Jesuit Aimé Duval, der Dominikaner Maurice Jean Cocagnac und die (später aus dem Orden ausgetretene) Nonne Soeur Sourire mit französischen religiösen Chansons Erfolge gefeiert hatten, entschloss sich die Akademie Tutzing 1960 zu einem Preisausschreiben: Neue religiöse Lieder waren gefragt, die dem musikalischen Resonanzvermögen der Jugend - auch von Jazz und Unterhaltungsmusik geprägt - entsprechen sollten. Das Siegerlied des ersten Wettbewerbs Danke wurde bei der Electrola mit dem Botho-Lucas-Chor auf Platte gepresst und schaffte es schließlich in die Hitparaden. Die Platte erreichte eine Auflagenhöhe von mehreren hunderttausend Exemplaren und lag 14 Tage in der Spitzengruppe der deutschen Hitparade. Sein Autor Martin Gotthard Schneider (geboren 1930) war als studierter Theologe und Kirchenmusiker eine Zeit lang als Religionslehrer tätig, ab 1970 dann als Kirchenmusikdirektor, Hochschuldozent und (Landes-)Kantor in Freiburg. Neben den zwei schlagerartigen Siegerliedern des Tutzinger Preisausschreibens Danke und Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt komponierte Schneider auch zahlreiche besinnlichere Weisen sowie Orgel- und Chormusik. Danke hat heute seinen festen Platz im Evangelischen Gesangbuch (EG 334) und in vielen anderen Gesangbüchern und Liedersammlungen. Es erklingt häufig bei Kasualien. Das war so kaum zu erwarten. Denn das Tutzinger Preisausschreiben zielte nicht primär auf neue Lieder für den Gottesdienst, sondern auf Alltagslieder von Christen für und in der Welt - »Werktagslieder«, wie sie Schneider nannte. Natürlich ergeben sich durch die Nähe zum Schlager und zur Werbemelodie auch vielfältige Möglichkeiten der Parodie. Auf YouTube lassen sich hochkomische kabarettistische Versionen des Liedes entdecken. Vielleicht erklärt das auch, warum kein anderes Lied in Kirche und Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wurde wie eben dieses Danke. Schriftleiter etablierter Kirchenmusikzeitschriften und kirchenmusikalische Verbandsfunktionäre sahen die Apokalypse abendländischer Kirchenmusik heraufziehen. Andere feierten den Song als Befreiungsschlag gegen die Macht kirchenmusikalischer Eliten und als Siegeszug des Populären in der Kirche. Textlich wirbt der Song für einen wesentlichen Grundvollzug christlicher Lebenskunst: Im Danken verbindet sich der Blick auf die eigene Lebenswelt mit der Hinwendung zu Gott. »Dank für den Müllabfuhrwagen und die Männer, die ihn begleiten, für ihre morgendlichen Rufe und die Geräusche der erwachenden Straße . Dank für Mädchen, denen ich begegnet bin, für das Rouge auf ihren Lippen von Marie-Therese, sie hat die Farbe klug gewählt, für die Dauerwelle von Monika, die ihr so gut zu Gesicht steht, für die Grimasse von Anne-Marie und ihr befreiendes Lachen . « Aus derartigen Zeilen der Textvorlage des französischen Priesters Michel Quoist gestaltet Schneider ein Lied in rhythmisch regelmäßiger Form. So entsteht ein kleines Dankritual. Dabei erzeugt gerade die Monotonie der Melodieführung (vergleichbar den Taizé-Gesängen) einen eigenen Raum der Besinnung. Offenbar ist das Bedürfnis weit verbreitet, wenigstens gelegentlich das eigene Leben zu bedenken und dafür zu danken. Dafür eignet sich der Song bestens. Er hinterließ auch Spuren in der säkularen Popmusik. Die Punkgruppe Die Ärzte hat eine eigenwillige Hardrock-Interpretation beigesteuert. Und Titel wie Danke für nichts von den Böhsen Onkelz, Danke von Guildo Horn oder der Rap Danke der Fantastischen Vier sind kaum ohne Bezüge zu Schneiders Song denkbar. Dabei dürfte es weiterhin darauf ankommen, um welche Mitte diese Danke-Lieder rotieren. Dass Schneiders Kirchenhit den »Herrn« des Lebens (Strophe zwei und sechs) ins Spiel des Dankens bringt, ist ihm bleibend zu danken.



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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23