Begeistern und begeistert sein!

»Und was machen Sie sonst so die Woche?« Für einen nur sonntäglichen Kirchgänger bleibt es oft verborgen, welche Aufgaben der Kirchenmusiker alltäglich so erfüllt: im Arbeitsalltag einer B-Stelle.

Petra Denker (Kirchenmusikerin, Fallersleben)

Sonntagmorgen

Ich sitze an meiner Orgel und spiele mich ein, nach und nach kommen die Gottesdienstbesucher. Kurz vor zehn ergibt sich noch eine Änderung, der Pastor kommt zu mir an die Orgel. »Können wir noch das orthodoxe Kyrie in die Fürbitten einbauen?« - »In Ordnung, wenn's sonst nichts ist.« Nach dem Gottesdienst lobt eine Dame das schwungvolle Orgelspiel heute. Ich freue mich und gehe mit einem Lächeln auf den Lippen zu meinem Auto. Schön, dass sich die Leute doch noch begeistern lassen. Ich habe erst spät zur Kirchenmusik gefunden, fast zufällig. Der Organist meines Heimatortes wies mir den Weg in den C-Kurs und ich wusste erst nicht so recht, wo rauf ich mich da eingelassen hatte. Aber nachdem wir im Frühjahr des ersten Unterrichtsjahres ein Passionskonzert mit Buxtehude-Kantaten auf die Beine stellten und darauf eine Kursfahrt nach Italien folgte, war es um mich geschehen: Ich hatte »Blut geleckt« und war seitdem mit Begeisterung dabei. Eine große Rolle spielte dabei meine C-Kurs-Lehrerin, die mich begeisterte und zu meinem Vorbild wurde. Ohne ihren Einfluss auf meine musikalische Entwicklung wäre ich bestimmt nicht Kirchenmusikerin geworden. Wenn im Bekanntenkreis das Gespräch erstmalig auf den Beruf kommt, finde ich es stets spannend, wie die Leute reagieren. Gelegentlich höre ich die Frage: »Und was machen Sie sonst so die Woche?« Wenn ich dann erzähle, dass ein Kirchenmusiker mehr macht als sonntags die Orgel zu spielen, reagieren die meisten mit ehrlichem und gleichzeitig unbedarftem Interesse.

Sonntagnachmittag

Eigentlich würde jetzt die Bandprobe anfangen, doch wo ist unser Gitarrist? Ich rufe an: »War nicht gestern Probe?«, fragt er etwas verwirrt. Schließlich kommt er noch vorbei und wir proben gemeinsam. Manchmal ist es gar nicht so einfach, den ganzen Laden zusammenzuhalten.

Montag - Kantorensonntag

Obwohl ich eigentlich frei habe, schaffe ich es doch nicht, die Arbeit ganz liegen zu lassen. Kurz mal ein paar E-Mails beantworten und den einen oder anderen Anruf erledigen.

Dienstag

Der Tag beginnt mit der Dienstbesprechung. Mir kribbelt es in den Fingern, ich möchte üben - am Sonntag steht ein Orgelkonzert an. Nachmittags gehe ich zum Musikunterricht in den Kindergarten. Die Kinder der Tripp-Trapp-Bande erwarten mich schon. Ein Mädchen läuft mir entgegen und zeigt mir stolz ihre neue Zahnlücke. Am Ende frage ich, wer alleine das Schlusslied vorsingen möchte. Fast alle trauen sich. Die Kinder stürmen aus dem Gruppenraum und rufen: »Bis nächste Woche!« Abends erwartet mich der Gospelchor. Wir versuchen ein paar Schrittfolgen zur Musik zu machen, einige laufen hartnäckig gegen den Strom. Manche finden es lustig, andere schauen mich entnervt an. Schließlich können wir uns auf eine Richtung einigen. Wir proben eines der Lieblingsstücke des Chors, da laufen alle Beteiligten zu Hochform auf. Im Gospelchor merke ich besonders, wie Begeisterung und Klang miteinander in Beziehung stehen. Wenn der Chor ein Stück liebt und das Arrangement gut ist, ist der Klang unglaublich dicht, weil jeder sich mit viel Emotion der Musik hingibt.

Mittwoch

Seit ein paar Monaten nehme ich Gitarrenunterricht, schon lange ein Traum von mir. Während ich mich mit Pentatonik-Skalen einspiele, kommt mein Lehrer. Es ist manchmal schwer, wenn man bei einem Instrument wieder bei null anfangen muss. Immerhin braucht er mir nicht zu erklären, was eine Viertelnote ist. Nachmittags Bürotätigkeit. Ich sitze über der Konzertplanung, schreibe Förderanträge in der Hoffnung auf Zuschüsse. Man kann manchmal den Eindruck gewinnen, dass es nur noch Zuschüsse für die außergewöhnlichen, großformatigen Events gibt. Aber auch ein normales Weihnachtskonzert will finanziert sein, jeder weiß, dass die Ausgaben meist nicht durch die Eintrittseinnahmen gedeckt werden.

Donnerstag - ein »Großkampftag«

Vormittags probt der Regenbogenchor, ein kleiner Chor aus 13 Frauen, ursprünglich gebildet aus Kitamüttern, die während der Betreuungszeit zusammen gesungen haben. Mittlerweile haben nur noch wenige der Frauen Kinder im Kindergartenalter, den Chor gibt es immer noch. Nächstes Wochenende steht das jährliche Probenwochenende im Michaeliskloster Hildesheim an. »Das ist für mich das schönste Wochenende des Jahres!«, sagt eine Sängerin begeistert. Nachmittags trifft sich der Flötenkreis. Die Mitglieder mögen besonders gerne eine Suite des amerikanischen Komponisten Allan Rosenheck. Fast jedes Jahr in der Weihnachtszeit wünscht sich die Gruppe dieses Stück und wird - so scheint es - nicht müde, sich mit den teils rhythmisch anspruchsvollen Passagen auseinanderzusetzen. Abends probt der Michaelis-Chor und passend zur ersten Probe des Weihnachtsoratoriums hat es geschneit. Ungefähr zwanzig Gastsänger, vorwiegend Frauen, haben sich eingefunden. Ich bin gespannt, wie lange die Begeisterung anhält und ob alle bis zum Schluss durchhalten. Die Soprane schlagen sich jedenfalls tapfer beim ersten Versuch von Jauchzet, frohlocket.

Freitag

Morgens fällt es mir oft schwer, um kurz nach acht schon wieder im Kindergarten zu sein - die Chorprobe vom Abend vorher steckt mir dann noch in den Knochen. Aber die Kinder der freitäglichen Tripp-Trapp-Bande bringen mich meistens schnell in Schwung. Nachmittags erwartet mich eine Orgelschülerin an der Kirche. Ich freue mich, dass sie geübt hat und helfe ihr bei ein paar technischen Schwierigkeiten.

Samstag

Für das Orgelkonzert am Sonntag muss das altehrwürdige Instrument gestimmt werden. Wie schön, dass die alte Dame ganz gut die Stimmung gehalten hat. Mit meiner Registrantin gehe ich die Stücke durch. Puh, das muss bei mir morgen aber besser laufen! Etwas zerknirscht verlasse ich die Kirche und versuche, mich bei einem Kinobesuch zu entspannen.

Sonntag

Nach dem Gottesdienst fahre ich nach Hause, um vor dem Konzert etwas auszuruhen. Kurz vor fünf sind achtzig Leute da, eine ganze Menge für ein Orgelkonzert. Auch meine Orgelschülerin ist gekommen. Nach den letzten Tönen fällt die Anspannung von mir ab - zum Glück hat alles einigermaßen geklappt. Ein paar Leute bedanken sich. Ich bin froh, dass die Band heute ohne mich probt und der Abend ruhig ausklingen kann. Begeistern und begeistert sein - das ist für mich ein zentraler Bestandteil meines Berufs. Ich merke diese Wechselwirkung fast täglich. Aus Erfahrung kann ich sagen, wie wichtig es ist, begeisternde musikalische Vorbilder zu haben. Begeisterung - eine bessere Werbung für den Beruf des Kirchenmusikers gibt es nicht. Ich wünsche allen Kolleginnen und Kollegen begeisterungsfähige Gemeinden und Kirchenvorstände und stets genug Kraft, um diese Begeisterung weiterzugeben!



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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23